
Petrels – “Onkalo”
Nicht alles ist vergänglich
Da, wo menschliche Zivilisation begann, soll das gelagert werden, was sie letztendlich überdauern wird. Onkalo. Höhle. Was auf dem Cover von PETRELS’ neuem Album wie eine Antenne aussieht, ist tatsächlich ein Schema des Tunnelsystems des gleichnamigen, finnischen Atommüllendlagers. Anders als in Zwischenlagern oder zusammenbrechenden Möchtegern-Endlagern wie der deutschen “Asse” sollen dort tief, tief unter der Erde nukleare Abfälle gelagert werden – auf ewig, für immer. 
Talvihorros – “And It Was So”
Weit mehr als nur Ambient und Experimente
Gibt es vielleicht eine neue Strömung von spiritueller Experimentalmusik? Nach John 3:16 gibt es nun mit TALVIHORROS’ “And It Was So” ein neues Werk, welches sich auf biblische Pfade begibt. Während john 3.16 die drei welten nach dem Tod vertonte, ist auf “And It Was So” die göttliche Schöpfungsgeschichte das Thema. Nichts, Chaos, Leben – wenn nicht biblisch ist das Album auf jeden Fall eine starke Metapher dafür. 
The Alvaret Ensemble – “The Alvaret Ensemble”
Wenn zusammenwächst, was zusammengehört
Eigentlich wollte ich ja ganz harmlos damit beginnen, wer denn das ALVARET ENSEMBLE ist, der uns da mit einem Doppelalbum überrascht hat, doch dann habe ich mich immer mehr mit einem vermeintlichen Rätsel aufgehalten, von dem ich immer noch überzeugt bin, dass es eins ist. Auf einem Album, auf dem Namen und Titel scheinbar keine große Rolle spielen, begegnen uns kryptische Songtitel: “Byd”, “Eac”, “Dde”, “Ulc”, “Ond”.. und so weiter. Was wie die Aneinanderreihung neuartiger Basenpaare aussieht, könnten Akronyme sein, oder ein Worträtsel, bei dem die unterschiedlichen Buchstaben eine verschlüsselte Bedeutung enthalten. Oder die acht Buchstaben des Alphabets, die fehlen. Oder die acht Buchstaben, die mehrfach auftauchen. Vielleicht haben sie auch etwas mit den friesischen Texten zu tun, die mitunter geflüstert werden. 
Blueneck – “Epilogue”
Back to the soundtrack
Wer dieses Jahr Duncan Attwood hören wollte, musste entweder Livekonzerte von BLUENECK besuchen, alte Platte auflegen – oder das aktuelle ALPHA Album “Eleventh Trip”. Beim neuesten Werk von BLUENECK hat sich der Fokus im Vergleich zum Vorgänger nämlich hörbar verschoben, Attwood und seine Mitstreiter lassen dieses Mal nur die Instrumente sprechen. Der Titel kündigt an, worauf man sich als Hörer einstellen muss: Veränderung. “Epilogue” ist der Schluß eines Kreises, das Ende eines Weges, der die Band schon bald in neue Sphären führen soll. 
Year Of No Light / Thisquietarmy – “Split/Collaboration”
Miteinander statt Nebeneinander
Lange Zeit waren Split-Veröffentlichungen eine günstige Alternative für zwei oder mehrere Bands, sich einen gemeinsamen Tonträger zu leisten. Was man jetzt wenig emotional als Synergieeffekte bezeichnen kann, war zudem für Labels und vor allem Hörer reizvoll, bekam man so doch meist brandaktuelles Material zum kleinen Preis und konnte wieder ein paar neue Bands ins mentale Plattenregal stellen. Wesentlich spannender sind da aber keine echten Splits, wo jede Band ihr Ding durchzieht, sondern Kollaborationen, wie auf der vorliegenden Scheibe. Ist keine neue Idee, sieht man in letzter Zeit aber wieder häufiger. Der Deal: Die Bands treffen sich nicht nur virtuell auf dem Tonträger, sondern vereinen sich quasi auch im Studio, tauschen ihre Musiker aus, remixen sich oder schreiben bestenfalls gemeinsam Musik. 
John 3:16 – “Visions Of The Hereafter – Visions Of Heaven, Hell and Purgatory”
Sphärische Stilwanderung zwischen Himmel und Hölle
Die Split-EP mit FluiD, die ich vor ein paar Monaten auf dem Tisch hatte, war nur ein Vorgeschmack. Nun ist Philippe Gerber alias JOHN 3:16 mit seiner mittlerweile sechsten Veröffentlichung, und gleichzeitig dem ersten Album zurück. Weder hätte ich vermutet, dass Gerber schon seit 2007 als Einzelkämpfer unterwegs ist, noch dass seine Musik viel reichhaltiger ist, als die EP das vermuten ließ. “Visions Of The Hereafter” ist ein beeindruckendes Album mit inhaltlich biblischem Ausmaß. Himmel, Hölle und das Fegefeuer sind die drei Orte, um die sich der instrumentale Narrativ dreht. 
Steve Moore – “Light Echoes”
Alte Synthesizer Schule
Klein, aber fein. Ok, 70 Minuten Spielzeit sind wohl alles andere als kleinlich. Aber wenn Minimalismus über diese Distanz dennoch eine vortreffliche Wirkung erzielt, dann ist das wirklich etwas Schönes. Liebhaber von alten analogen Synths und den Sounds der Berliner Schule (beinahe hätte ich “Berliner Schulze” geschrieben…) bekommen hier einen hörenswerten Leckerbissen serviert.
Steve Moore kennt man vor allem durch ZOMBI, aber auch solo ist der Mann sehr aktiv. Er produziert für Bands wie TITAN und veröffentlicht seit einigen Jahren in angenehmer Regelmäßigkeit Platten unter seinem eigenen Namen, die sich mal mehr, mal weniger deutlich von seiner Hauptband entfernen. 
Monochromie – “Angels and Demons”
Post-Rock ohne Rock
Post-Rock ohne Rock – Rock ohne Gitarren sozusagen. Vielleicht ist es das, was sich Wilson Trouvé aus Frankreich mit seinem Soloprojekt MONOCHROMIE vorgestellt hat. Auf seinem Album “Angels and Demons” geht er auf eine ganz ähnliche, instrumentale Forschungsreise wie die vielen tausend Bands, die dieses Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Doch “Angels and Demons” wandelt dabei mehr auf den Pfaden experimenteller Klangkunst. Den Part der Gitarren (der Rhythmus kommt ohnehin aus dem Herzen) übernehmen hier vor allem Drones und wabernde Ambientflächen. 
Inner Trip – “Initiate”
Zukunftsmusik aus dem Iran
Ganz ohne Politik geht es nicht, es muss einfach in diese Einleitung hinein. Was man bereits seit Wochen, seit Monaten und eigentlich seit Jahren über den Iran hören und lesen muss, ist mehr als nur bedauerlich. Das liegt nicht nur an der Kriegsrhetorik, die vor allem in den letzten Tagen wieder akut an Schärfe gewonnen hat, sondern vor allem an der Tatsache, dass in dem Gottesstaat mit seiner Psychopathen-Marionette Ahmadinedschad das Volk auf der Verliererseite steht, und zwar komplett. In den Reflektionen über den schwelenden Konflikt im Nahen Osten, über die nuklearen Ambitionen des Irans, über globale Sanktionen spielt es weder mental noch medial eine Rolle – es existiert einfach nicht. Der Iran, das sind nur die Ayatollahs und der Geisteskranke, alles andere wird verleugnet. Künstler wie Saman N, der dieser Tage mit seinem Projekt INNER TRIP ein neues Album vorgelegt hat, zeugen von dem riesigen weißen Fleck auf der Landkarte westlichen kulturellen Wissens über dieses faszinierende Land. 
Elan O’Neal – “Subterranean Cartography”
Zurück in den Ozean
Die Menschheit weiß über die Tiefsee nicht mal annähernd so viel, wie z. B. die Oberfläche des Mondes, dennoch sehnt sie sich eher nach den Tiefen des Weltalls. Elan O’Neal, Kopf des Folk-Ambient-Projektes OLD FORGOTTEN LANDS, dagegen hat die Faszination der Ozeane gepackt. Da, wo das Licht bereits nach wenigen hundert Metern an seine Grenzen stößt und der Wasserdruck immer größer wird, erst dort wird es richtig spannend, und erst ganz tief unten wartet die Antwort auf die Frage, was Leben auf der Erde wirklich bedeutet. 
Beyond Sensory Experience – “Modern Day Diabolists”
Harmonie mit Noise und experimentellen Klängen
Die Schweden beschwören den Teufel herauf. BEYOND SENSORY EXPERIENCE waren mir bislang noch kein Begriff, mit ihrem aktuellen, siebten Album hat sich das allerdings geändert. Irgendwo im Dark Ambient seien sie verortet, nicht weit entfernt experimentell angehauchten Klängen. Wie ihr neues Schaffen im Vergleich zu ihrem bisherigen Werk ausfällt, kann ich nicht sagen, aber selbst ganz ohne Vergleiche ist “Modern Day Diabolists” vor allem eins: vielseitig. 
Desiderii Marginis – “Procession”
An den Abgründen vorbei
Johan Levin steht ziemlich viel gut zu Gesicht. Düsterer Ambient, zu Klang verarbeitete industrielle Ödlandschaften, verstreute Frequenzen, die im Raum ziellos herumirren und martialische Rhythmen. Ich weiß noch, welchen Effekt damals sein grandioses Debüt “Songs Over Ruins” auf mich hatte. Verstörende Klänge waren das, aber gleichzeitig auch vollgesogen mit einer derart intensiven Melancholie, aus deren Fängen man sich nur schwer befreien konnte. Auf den folgenden Alben verfeinerte er seine Handschrift, nicht ohne jedes Mal neue Facetten mit seiner Musik herauszuarbeiten. Für mich wurde er dadurch schnell zu einem DER Aushängeschilder des schwedischen Kultlabels Cold Meat Industry. Seit neuestem ist er nun bei Cyclic Law – und auch das steht ihm wunderbar. 
Worsel Strauss – “Unattention Economy”
“I created that just by pressing a button…”
Als Pioniere wie Stockhausen in den 50er Jahren noch mit Einfamilienhausgroßen Klangsynthetisiermaschinen abstrakte Musikgebilde entwarfen, wurde das von den meisten kaum oder argwöhnisch betrachtet. Als ein paar Jahrzehnte später KRAFTWERK bereits ihr Innovationsdenkmal im Schrank stehen hatten, deutsche Krautrockbands ihre Gitarristen entbehrlich machten und Jean-Michel Jarre im gleichen Einfamilienhaus bereits mehrere Dutzend dieser neuen Geräte stehen hatte, waren auch die Vorurteile und Klischees gegenüber dieser neuartigen, elektronischen Musik gewachsen. Wo blieb da die Kreativität, wenn man nur noch Tasten drücken musste, um Klänge zu erzeugen? Wenn das sogar einfache Bürger ohne klassische Ausbildung tun konnten? 
Shrine – “Somnia”
Schwebezustände
Vor kurzem bin ich über das Wort ‘dreamathon’ gestolpert. Das urban dictionary erklärt diesen Begriff mit einem Erlebnis, was wohl jeder schonmal gemacht haben dürfte: Der Wecker klingelt, man drückt auf die “Schlummertaste” und nickt noch mal ein. Der Vorgang kann sich durchaus noch ein paar Mal wiederholen, während man jedes Mal auf’s Neue ins Reich der Träume zurücksackt, oft sogar in die gleichen, die dann wie ein Film weiterlaufen. Manchmal hat das etwas von Wachträumen, die man in gewisser Weise beeinflussen kann, ohne sich wirklich bewusst zu sein, das man gerade träumt. Es ist dieser faszinierende Zustand, der den bulgarischen, audio-visuellen Künstler SHRINE inspiriert hat und dem er sein neues Album “Somnia” gewidmet hat. 
SaffronKeira – “A New Life”
Klangforschung auf italienisch
Klangforschung. Da bläst einem das Experimentelle, Ungreifbare schon die Nüstern, bevor man überhaupt mit dem betreffenden Werk in Berührung kommt. Doch zwischen Feldstudien in einer lärmenden wie schweigenden Umwelt und technologischen Hauptseminaren ist eine ganze Menge Raum für wesentlich differenzierte Ansätze, dem Mysterium von Klängen auf den Grund zu gehen. Greift man sich nun das heraus, was einem qua natura schon vor der Nase schwebt, oder sucht man eher in der unwirtlichen Welt von Transistoren, Leiterbahnen und digitalen Prozessen? Eugenio Caria macht als SAFFRONKEIRA irgendwie ein bisschen von allem. 





