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Steven Wilson – "Insurgentes"

30. Juni 2009 | ME | Musikrezensionen | 2.078 mal gelesen

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Schwerelos

Steven Wilson - "Insurgentes"Steven Wilson muss sehr viele kreative Lebensphasen haben, denn nun veröffentlichte er neulich auch noch ein überlanges Solo-Album unter dem Banner "Insurgentes". BLACKFIELD, PORCUPINE TREE oder auch diverse Nebenbaustellen (OPETH?) binden ja eigentlich genug Energie auf Jahre. Nun, uns soll es recht sein. Der Opener "Harmony Korine" könnte von PORCUPINE TREE sein. Atmosphärisch, schwebend, dennoch mit treibenden Gitarren versehen gilt es mal wieder melancholische Pfade nachzuzeichnen. Sehr überzeugend, dieser Einstieg.

Auch "Abandoner" könnte auf einem Band-Werk sein, sagen wir dieses Mal BLACKFIELD. Stille rings um uns, sanft zurückgelehnt lauschen wir Stevens tiefem Klangteppich gewichtloser Ruhe, unmerklich umarmen uns diese verhallten Sphärentöne. Effektiv gesetzte Electronics und noisige Passagen entführen an den Rand des Schachbrettes: wir verlassen das Feld und bleiben dennoch im Spiel.

"Salvaging" zeigt, dass Steven trotz seiner stellenweise sanften Ausrichtung selten im Mainstream schwimmt. Er taucht gerne, erkundet die Unterwasser-Landschaft, in welcher so manches starrende Auge sein Tun verfolgt. Oder Steven fliegt; jedoch nicht im sterilen Jet, sondern im Segler. Da begegnet man den Wolken respektvoller. Die Gitarrenwände, die Steven um seine fragil-charismatische, ich sage es geradeheraus, trefflich-intonierende Klar-Stimme arrangiert, bilden abstufende Kontraste. Der Segelflug, das Tauchen, Turbulenzen stellen sich ein. Ist die Erde jetzt über oder unter uns?

Steven Wilson - "Insurgentes" (Deluxe Edition)

Deluxe Edition (Headphone Dust)

Auch lange instrumentale Sequenzen flicht Steven in seine Traumsongs ("Veneno Para Las Hadas"). Der Atem wird knapp; ist das jetzt etwa Stratosphäre? Hendrix schwebt dort oben, man lausche "No Twilight Within The Courts Of The Sun". Etwas rätselhaftes, dunkles schwingt in Stevens Kompositionen immer mit. Vielleicht kommt daher auch seine Hingabe an OPETH. Das einsame Haus im Walde fasziniert ihn durchaus. Andererseits erkennen wir, dass er sich für die Isolation des Individuums in urbanen Ballungsräumen interessiert. Sägende Gitarrenwände durchbrechen immer wieder die Membran; die Abschottung ist unmöglich, Selbstbetrug. Hätte David Foster-Wallace diese Musik hören können, er hätte sich möglicherweise zum Weiterleben entschieden.

"Significant Other" lässt uns trudeln, der Doppeldecker unter uns ist nett anzusehen; er ist aus Holz und trägt irgendein Wappen auf den Flügeln, sind es Kreuze? Als wir die schwarzen Krallen erkennen, ist es zu spät. Kurzes Getacker, Spiralen in der Luft, hinfort fliegende Tragflächenteile…  Die Erde kommt unaufhaltsam näher, wir sind in einer Art Trance gefangen, die Spieluhr erinnert uns an unsere glückliche Kindheit in den Schären; parallel zeigt sie unsere ablaufende Zeit. Wir sind Schweden, verdammt! Neutral, zum Henker! Neutral! Der Albtraum endet mit "Twilight Coda". Wie echt wir unseren Absturz erlebten, wir reiben uns die Augen, tatsächlich, wir haben 2009, es ist morgens um sechs, die Erinnerung an den Luxus des freien Tages lässt uns in die Federn zurücksinken. Was für ein Glück, in doppelter Hinsicht: der schwarze Baron mit triumphierenden Grinsen über uns nichts als eine Schimäre!

Ans Ende des regulären Albums stellt Wilson drei Instrumentals mit Gesang, so könnte man sagen. Es wird geflüstert, Stimmen mit Hall überzogen oder minutenlang ganz auf Vocals verzichtet. Das kann verstören. Mir gefallen die "echten" Songs am besten; dennoch, es ist beängstigend, auf welch hohem Niveau Steven auch auf Solopfaden agiert. Die fünf Bonustracks meiner Edition sind übrigens auch sehr gelungen. Die wolkige Atmosphäre will einfach nicht weichen. Traumbilder jagen vorbei… Aufwachen!

Und ist man der Trance entkommen, so will man wieder zurück. Steven, du bist wirklich gut.

8/10

» Steven Wilson

INFO-BOX
Künstler Steven Wilson
Titel Insurgentes
Format Album
Länge 10 Tracks | 55:24
Label Headphone Dust / Kscope Music
26.11.2008 / 04.02.2009

Leserwertung:

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