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Nick Cave & The Bad Seeds – "Skeleton Tree"

20. November 2016 | Matthias | Musikrezensionen | 816 mal gelesen

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Die Prüfung

Nick Cave & The Bad Seeds - "Skeleton Tree"Es braucht nicht viel, um zu verstehen, dass der Verlust des eigenen Kindes das schlimmste ist, was Eltern passieren kann. Als NICK CAVEs damals 15-jähriger Sohn Arthur am 14. Juli 2015 von einer Klippe fiel und dabei sein Leben verlor, veränderte sich die Welt des Künstlers drastisch und vor allem für immer. Der Tod ist entgültig, er ist leise, er ist im Augenblick des Eintretens schmerzhaft für die, die ihn mitansehen müssen, aber auch schmerzhaft für jene, die lediglich darüber informiert werden, dass ein geliebter Mensch gegangen ist. All dieses Leid, die Eindrücke und Erlebnisse hat NICK CAVE in seinem Album verarbeitet. Was sonst soll ein Mann wie er auch machen, wenn ihm so etwas widerfährt? Er hat die Wahl, sich zu betäuben oder seinen Schmerz in Kunst zu kompensieren und zu versuchen, nach vorne zu schauen. Er hat sich für letzteres entschieden.

Acht Songs haben es auf "Skeleton Tree" geschafft und CAVE gibt sich dabei so düster und vor allem minimalistisch wie nie zuvor. Die BAD SEEDS haben sich enorm zurückgenommen und allen voran ist es Multiinstrumentalist Warren Ellis, der hier wichtige, entscheidende Akzente setzt. Schlagzeug gibt es wenig zu hören und wurde auf das Wesentliche reduziert. Aber die Songs benötigen dieses harte Instrument auch nicht in seiner vollen Vielfalt. Streicher, Keyboard-Teppiche und Klavier dominieren. Es geht um Stimmung, Atmosphäre und vertonte Emotionen. Klangspiele, Ambiente und Tonkunst stehen im Vordergrund. Wie sonst soll man den Tod und seine Auswirkung auch in Musik zusammenfassen?

"With my voice I am calling you" heißt es im düster brummenden Opener "Jesus Alone" und die Grundstimmung des Albums wird einem sofort und unmissverständlich klar. Bis an die Grenze zur Unerträglichkeit spürt man den vertonten Schmerz und möchte am liebsten davor flüchten. Und doch zieht das Lied einen durch die zunächst harten und später vorsichtig mahnend wirkenden Gesangsmelodien in seinen Bann.
"Are you still here?", die Frage im letzten Vers von "Rings Of Saturn", darf man als Hörer in Eigenterpretation hervorheben und in den Kontext der Geschehnisse stellen. Alles nimmt seinen Lauf und CAVE ergibt sich hilflos dem Unvermeidlichen. Untermalt wird die Stimmung durch fast schon tröstende Backgrounds und überirdische Synthie-Spritzer. CAVEs Sprechgesang wirkt kraftlos und resigniert, aber auch so, als würde er sich stellen wollen.

"And if you want to bleed, just bleed", die Zeile aus "Girl In Amber" klingt fast schon, wie die Erlaubnis zu gehen. Ein Lied voller Tragik, herzzerreißender Schwere und innerer Not. Kaum ein Stück auf dem Album beschreibt die Hilflosigkeit und die tiefen Emotionen so intensiv wie dieses. Nur mit Klaviertupfern, einem Sanften  Key-Teppich und Background-Stimmen gelingt es, alles einzufangen und auf den Punkt zu bringen, was notwendig ist.
Wenn CAVE im kaum erkennbaren Chorus zu "Magneto" "And one more time with feeling" singt, ja, fast nur spricht und in den folgenden Worten kaum eine Veränderung der Stimmlage wahrzunehmen ist, wird deutlich, wie haltlos und zerbrochen CAVE ist. Reduziert auf wenige Töne und basisbildende, fast schon depressiv wirkende Einsprengsel, ist das Stück wie der schwarze Keller des Albums.

"All the things we love, we love, we love, we lose" dürfte eindeutig in seiner Aussage sein. "Anthrocene" ist dabei unterlegt mit vorsichtigen, sehr zurückgenommenen, aber äußerst rastlos wirkenden Schlagzeugfiguren, die eher nach Jazz-Percussion klingen. Ein wummernder Bass und nach Endzeit klingende (Gitarren-?) Töne machen die beängstigende Atmosphäre des Stückes dicht.
Das wohl ergreifendste Lied ist "I Need You", obwohl die Musik fast schon hoffnungsvoll klingt. Ein getragener Drumbeat, Keyboardteppiche und stimmungsvolle Backgrounds bilden das Gerüst für CAVEs Klagen. Wenn er die Zeile "I'll miss you when you're gone away forever" bringt, schnürt es einem die Kehle zu. Unglaublich, was dieser Mann hier mit seiner Musik erreicht.

Mit "Distant Sky" wird die Wendung vollzogen. Die Trauer verschwindet langsam und eine von Hoffnungsschimmern durchzogene Leere macht sich breit. Mit der dänischen Sopranistin Else Torp hat CAVE für das Stück eine passende Ergänzung gefunden. Wenn sie mit ihrer lieblichen Stimme "Let us go now, my darling companion" singt, möchte man CAVE einfach nur die Hand auf die Schulter legen und einmal vorsichtig nicken.
"Nothing is for free" heißt es im abschließenden Titelstück. Es fängt die Atmosphäre des Gefühls, sich nach dem Erwachen an einem Sonntagmorgen zu fühlen wie ein "Skeleton Tree", vorzüglich ein. Mit Katerstimmung geht es erschöpft in den Tag. Man nimmt die wärmende Sonne wahr, kann sie aber (noch) nicht für sich und seine Stimmung nutzen. Mit getragenem Rhythmus, Key-Pads und positiven Klaviertupfern gelangt NICK CAVE an einen Punkt, an dem er zu erkennen scheint, dass trotzdem irgendwie alles weiter gehen wird…

Dieses Album ist wohl NICK CAVEs ungewöhnlichstes Werk, das eindeutig dunkelste, gleichzeitig aber auch sinnlichste und musikalisch reduzierteste. Es gelingt ihm und seiner Band in jedem Lied, mit einfachsten Mitteln das Wesentliche einzufangen und seinen Texten das jeweils passende Gerüst zu bereiten. Selten kann man den Begriff 'atmosphärisch dicht' so tatsächlich passend einsetzen und benutzen, wie bei "Skeleton Tree".

Am Ende bleibt nur die Frage an sich selbst, ob es in gewisser Hinsicht voyeuristisch und vielleicht sogar verkommen ist, als Unbeteiligter, als Hörer am Leid des Künstlers teilzunehmen, indem man seine Musik konsumiert und auch noch gut findet? Ist dies im Kontext des Verlustes bzw. des Todes verwerflich, oder ist es erlaubt, die Sache auf den Fakt herunterzubrechen, dass CAVE mit seinem Album und der begleitenden Geschichte bewusst an die Öffentlichkeit gegangen ist, damit sie teilhaben kann? Darf man den eigenen Part als Konsument damit reinwaschen? Das muss jeder mit sich selbst ausmachen.

8/10

» Nick Cave & The Bad Seeds

INFO-BOX
Künstler Nick Cave & The Bad Seeds
Titel Skeleton Tree
Format Album
Länge 8 Tracks | 39:42
Label Bad Seed / Rough Trade
09.09.2016

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