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Metallica – "Death Magnetic"

20. September 2008 | ME | Musikrezensionen | 2.184 mal gelesen

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Schluss mit Kaspermucke

"Are You Sure? Are You Sure?? Are You Sure???" So fragte Hetfield am neunten August dieses Jahres in Dallas während des Ozzfestes herausfordernd mit fein-magnetischem Stimmenspiel die euphorisierte Menschenmenge, ob denn "Cyanide", ein Song des neuen Albums "Death Magnetic" hier seine Taufe erleben sollte. Die durch die geschickt und sicher nicht ohne Kalkül lässig intonierte Ansage enthusiasmierte Menge jubelte begeistert und so legten METALLICA los. Einige Tracks landeten sodann im Netz, es gab wilde Spekulationen und die üblich kontroverse Diskussion mehrerer Lager: einigen war die Rückbesinnung auf alte Zeiten zu deutlich, andere wünschten sich ein Thrash-Album der "Master Of Puppets"-Schule, wieder andere wollten mehr Blues, Rock und alternative Vibes (wie zuzeiten der "Load"-Phase) und, last but not least gab es auch eine kleinere Gruppe, welche eine Fortführung des letzten Albums erwartete ("St. Anger").

An ihrem neunten Studioalbum "Death Magnetic" haben METALLICA weit über ein Jahr im Studio gearbeitet. Ich habe das Album am ersten Verkaufstag erstanden, ohne die vorab ins Netz gestellten Songs (mit Ausnahme von "The Day That Never Comes") zu kennen. Es war sozusagen ganz wie früher, wenn Klein-Stendahl eine Langspielplatte kaufte und fiebrig nach Hause lief selbige sofort zu hören. Kaum angekommen und eingelegt, eröffnete "That Was Your Life" mit einem typisch dunklen Akustikintro nach Art des schwarzen Albums, um sodann in einen Speedsong mit diesem eigenartig und immer wieder für gut befundenen holprig-riffenden METALLICA-Rhythmus überzugehen, welcher inzwischen von ca. einer Million Bands kolportiert, jedoch nie erreicht wurde.
Es fällt sofort auf, dass der Sound gepresst wirkt, ein wenig flach beinahe, ähnlich dem der "Master Of Puppets" seinerzeit. Hall, fett dröhnende Gitarren und fließende Leads wie auf "Ride The Lightning" gibt es nicht, Produzent Rick Rubin (u.a. CASH, SLAYER) versucht eher, das Spontane der Musik zu betonen und lässt dabei Improvisation mehr Raum. Getrigger, Quantisieren oder Bombastsound liegt ihm nicht. Eher wirken seine Arbeiten "entkleidet", betonen das Brüchige, Schmerzhafte; überflüssiger Barock wandert über Bord bzw. findet gar nicht statt. Der (nicht makellose) Körper wird betont, das Gewand bleibt nüchtern. So auch hier im Opener. Hetfield intoniert kernig-kurzatmig in der Strophenphase; voller Inbrunst kämpft er sich durch den wilden Track. Die Gitarren erklingen wie durch einen Sandpapierfilter und dennoch gut, denn so könnte es tönen, wenn man in einem kleinen Klub die Meute konsequent an die Wand spielen möchte. Der Chorus ist mächtig, bleibt sofort hängen, die Soli hauen dem Hörer die Terzen nur so um die Ohren, wobei Hammet seine Qualitäten nicht nur andeutet. Zum Stillsitzen taugt das nicht.

"The End Of The Line" rifft munter, Spannung entsteht durch diese anachronistisch-konventionellen und dennoch provokativen Gitarrenlinien, dann folgt das harte Lick. In der flotten Strophenphase gibt es einige Reminiszenzen an "Creeping Death". Metallica verarbeiten Ideen aus dem Füllhorn; Musik mit "Easy-Listening"-Qualitäten ist das nicht. Auch hier soliert Hammet gern ausufernd, Hendrix hätte seine Freude daran gehabt. Die akustische Passage am Ende soll sicherlich auch durch die verwendete Textzeile "The Slave Becomes The Master" an den Song "Master Of Puppets" erinnern. Das ebenso überlange "Broken, Beat & Scarred" zeigt, dass sich Metallica den Weg zum trefflichen Hook freikämpfen müssen, verspielte Umwege sind durchaus erlaubt, wenn es nur gleich wieder auf die Zwölf gibt. Melodische Parts, welche nicht wie früher vordergründig platziert werden, durchziehen die Songs. Das Schöne will entdeckt werden, es ist da, im Hintergrund blinkend, doch davor wird härtester Stahl zurechtgebogen. Das muss ertragen werden; das Glück(sgefühl) fällt einem nicht einfach zu. Würde ein geschickter Maler seine Leinwand komplett mit leuchtenden Farben überziehen, mit lachenden Menschen, auch das darzustellende Elend? Wohl kaum.

Die vorab veröffentlichte Single und Halbballade "The Day That Never Comes" bietet dieses seltsam-anrührende Flair, diese traurige Atmosphäre aus "Fade To Black" und "One" mit sich steigernder Härte und Solofinale. Was Struktur, Aufbau und Steigerung angeht, so haben MERCYFUL FATE mal ähnlich agiert. Überhaupt, dieser Song führt weit zurück, dennoch wurde er von Kritikern oftmals als zu "epigonenhaft", als Selbstimitat bezeichnet. Schon seltsam: werden METALLICA retrospektiv, so wird das moniert, verändern sie sich, ist es auch nicht richtig. Hetfields Stimme trägt den Song, überhaupt, diese weichen Passagen meistert er trefflich. "All Nightmare Long" klopft wieder ordentlich. Nach ruhigem Beginn sägen sich METALLICA durch die Tonleitern. Nach einer Minute sind bereits Ideen für mehrere Songs angedeutet, dann droht, schreit, wütet Hetfield anklagend "Luck Runs Out" im Chorus. Hakelig, dornig, steinig ist der Weg. An MESHUGGAH, SYSTEM OF A DOWN und SLAYER könnte man manchmal mit ein wenig Phantasie erinnert werden, dennoch bleiben METALLICA sich treu, denn das Liedgut wirkt zwar sperrig, aber nicht zerhackt, nicht leicht zu greifen, jedoch angenehm im Ohr, wenn erschlossen.

"Cyanide" lebt von seinen unterschiedlichen Aspekten: Groove, ein eingängiger Refrain, säbelnde Leads, schwere spiralförmige Licks, eine melodische Bridge, eine kurz angedeutete Maiden-Gitarrenlinie und unruhiges Drumming durchziehen den verschachtelten Song. Ulrichs Schlagzeug ist zugegebenerweise ziemlich trocken in den Vordergrund gemischt worden, man sitzt direkt neben ihm. Das hatten wir auch auf "And Justice For All" in ähnlicher Ausprägung. "The Unforgiven III" soll an die legendären ersten zwei Teile dieses Tracks anschließen und tut das auch. Streicher, Klavier, rhythmische Strophenphase, der klare ausdrucksstarke Gesang von Hetfield und der Gänsehautchorus sind die Merkmale dieses Stücks. Wobei ein ähnlicher Chorus auf der Halbballade "The Unnamed Feeling" auf der vorletzten CD "St. Anger" Verwendung fand. Macht aber nichts, denn "The Unforgiven III" hat diese typische Melancholie, welche wirklich nur Hetfields äußerst charismatische Stimme imstande ist darzubieten. Die Gitarren- und Bassgebirge drohen im Hintergrund, zerbrechlich, fragil und unvorhersehbar ist das Leben. Und in Musik und den sich mit Tod, Seelenqualen und Alleinsein sich beschäftigenden Texten findet sich viel von des Sängers unstetem Leben wieder, welches, wie wir wissen, zeitweise eine ziemliche Berg- und Talfahrt war.

"The Judas Kiss" verbreitet intellektuelle Unrast. Unstet klöppeln sich METALLICA mit hängenden Stahl-Saiten in den Song, welcher ein hintergründiges melodisches Break enthält, welches schwer durchatmen lässt, wenn Hetfield fragt: "So What Now? Where Go I". Der Chorus ist ein Ohrwurm; geschickterweise gab es den ja schon vor Monaten auf der "Mission-Metallica"-Seite als Soundschnipsel im Internet zu hören. Wah-Wah-Soli, metallische Vibes, kreuz- und quer flirrende Gitarren zeigen, dass METALLICA es ihren Hörern, und nicht wenige davon kommen wie wir wissen seit Anfang der Neunziger aus dem Mainstream-Bereich, nicht leicht machen wollen. Die vormals unterprivilegierten Musiker zeigen die Krallen, kleiden sich (erneut) in schwarze Röhren und bleiben dem emotionalen (und nicht rationalen!) Rebellentum treu; so sind sie also gleichzeitig konservativ und innovativ in Einem. Die permanente Selbstreinigung setzt sich fort; Katharsis pur, könnte man auch sagen. Oder, allgemeiner und prosaischer gesagt, Schluss mit Kaspermucke, wenn man den Großteil der halbgaren Veröffentlichungen dieses Jahres Revue passieren lässt.
Das Instrumental "Suicide & Redemption" marschiert wie ein vorsintflutlicher Dinosaurier, erinnert in ruhigen Momenten an "Orion" von der "Master Of Puppets" und bietet Hammet und Trujillo die Plattform für ekstatische musikalische Entladung; es tönt ganz wie Mitte der Achtziger, als METALLICA als einzige Metal-Band sich trauten, zehnminütige Instrumentals zu schreiben (und auch live zu spielen). Das Finale "My Apocalypse" (mit gut fünf Minuten Spieldauer der mit Abstand kürzeste Song des Albums) erinnert in seiner unsteten Nervosität an "Damaged Incorporated"; hartes Riffing und aggressiver Gesang werden mit heftigen Soli vermengt. Die Speedpassage in der Mitte hätte einen eigenen Song ergeben können, ähnlich wie seinerzeit vor einem Vierteljahrhundert das Ende von "No Remorse". Der verschränkte Chorus hakt sich ein und verlangt hartnäckig danach, das Album erneut zu hören. Die Diskussion seitens selbsternannter Kritiker, Fans und Hörer um die gewählte musikalische Ausrichtung, den Sound des Werkes, den Gesang von Hetfield, Ulrichs Drums und andere Feinheiten interessieren mich überhaupt nicht. Es gibt das Album. Und das ist trefflich gelungen. I am sure.

» Metallica

INFO-BOX
Künstler Metallica
Titel Death Magnetic
Format Album
Länge 10 Tracks | 74:42
Label Mercury (Universal)
12.09.2008

Leserwertung:

1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne6 Sterne7 Sterne8 Sterne9 Sterne10 Sterne (13 Wertungen, Ø 8,62 von 10)
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1 Kommentar zu Metallica – "Death Magnetic"

Heiko
7. Mai 2009

Legenden, die versuchen, ihren Frust und ihre aktuelle Leidensgschichte in ein früher einmal bestens funktionierendes Gewand zu pressen. Produktionstechnische Unfertigkeit ermöglicht es auch dem Rezensenten, teilweise gute, teilweise belanglose Kompositionen hinter die vorgespielten Rauheit des Sounds zu stellen, der natürlich wieder einmal geauso sein muss, weil es "unnötiten Ballast" von der Musik nimmt.
Metallica klingen anno 2008/09 nicht glaubwürdiger als vorher, sondern lediglich anpassungsfähiger. An diejenigen, die mit der stilitischen Auslegung zuletzt nicht leben konnten – denn Kritik von dummen, intoleranten Metalfans tut scheinbar mehr weh, als man es zugibt.

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