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Jesu – "Infinity"

6. Mai 2011 | Matthias | Musikrezensionen | 3.396 mal gelesen

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Ein musikalisches Drama in mehreren Akten

Der kreative Kopf bei JESU ist einzig und allein Justin Broadrick, auch bekannt durch seine Vorgeschichte bei den legendären GODFLESH und NAPALM DEATH. Ted Parsons (Ex-SWANS, Ex-PRONG) an den Drums sowie Diarmuid Dalton an den vier Saiten, die ihm normalerweise bei JESU zur Seite stehen, sind an "Infinity" allerdings nicht beteiligt. Hier übernahm Broadrick kurzerhand alle Instrumente selbst und hat demnach im kompletten Alleingang ein Album erschaffen, das mit einem einzigen Track rund 50 Minuten Spielzeit ausfüllt und sämtliche Facetten des bislang bekannten JESU-Sounds bedient.

"Infinity" kann nach den ersten Durchläufen etwas zwiespältig wirken, denn ganz trocken gesagt besteht der Song aus mehreren, lediglich von den Harmonien verwandten, aneinandergereihten Parts. Zwischen den verschiedenen Teilen wurden teilweise flüssige Übergänge geschaffen, manchmal wird man jedoch auch mit einem abrupten Kurswechsel aus der Ruhe gerissen und regelrecht ins Herz getroffen. Ob "Infinity" nun lediglich die Zusammenfügung verschiedener Song-Fragmente ist, die bei Justin Broadrick jahrelang in den Schubladen vor sich hin gammelten oder ob es seine Absicht war, das Stück tatsächlich so fragmenthaft zu komponieren, sei an dieser Stelle in Frage gestellt. Letztendlich ist es allerdings auch egal, denn Fakt ist, dass "Infinity" trotz seiner unterschiedlichen Phasen ein in sich rundes, stimmiges Stück Musik geworden ist, das eine sehr intensive Atmosphäre verbreitet.

Der Anfang: Mit einer elektronischen, chilligen Schleife wiegt Broadrick den Hörer zunächst in Sicherheit, auch wenn eine unterschwellige Melancholie bereits mitschwebt. Zunächst entsteht der Eindruck, dass "Infinity" auf die elektronische Art von JESU aufbauen wird, die besonders auf den EPs präsent ist, was jedoch sehr schnell relativiert wird.

Das Erwachen: Der Wechsel kommt so abrupt wie unerwartet. Die Elektronik wird komplett zur Seite geschoben und es werden Erinnerungen an die erste EP "Heart Ache" wach. Plötzlich setzen harte Gitarren ein und ein schleppender, jedoch von schnellen Doublebass getragener Beat setzt wie ein Hammerschlag ein. Fast schon leise und bescheiden im Hintergrund ertönt dazu noch die klare, melancholische Stimme von Broadrick, die einen langen Leidensweg voraussagt.

Der Wandel: Der Doublebasspart geht über in einen langsamen Beat und auch die Gitarren werden verhaltener. Es wird ein auf den Saiten gehackter, kantiger Part entwickelt, der dann in offen gezupfte, verzerrte Linien übergeht. Zwischen hart und weich hin und her pendelnd stellt der Part die Kluft zwischen Hoffnung und der beginnenden Auflösung dar.

Die Zerrissenheit: Der Beat lockert sich deutlich auf, das sterile, mechanische verschwindet ein wenig und auch die Gitarren entwickeln deutlich mehr Atmosphäre. Zu den Basis-Riffs, die ausgelaugte Kraft ausdrücken, kommt nun auch eine Lead-Gitarre hinzu, welche (natürlich) eine zusätzliche melancholische Stimmung beisteuert und im Prozess des nahenden Untergangs ein Aufbäumen, einen letzten Funken Hoffnung bedeuten könnte.

Die Wut: Es wird schleppender und auch die Doublebass kommt wieder zwischendurch zum Einsatz. Broadrick brüllt mit Hall unterlegt seinen Schmerz unverblümt heraus und die Gitarren mischen harte aber auch zerbrechliche Vibes unter das kriechende Leid, das trotz aller Energie, die noch einmal zusammengetragen wurde, unerbittlich Einzug hält.

Die Erkenntnis: Schlagzeug und harte Gitarren verebben und es wird ein eher ambientartiges Feeling aufgebaut, das nachhaltig ausgereizt wird. Sanfte Keyboardflächen werden von leicht verzerrten, gezupften Gitarrenlinien ergänzt, bis sich alles zu einem großen ganzen vermischt und eine Art Loop entsteht. Das letzte Aufbäumen ist misslungen, die Schwermut erhält die Oberhand und wickelt den Hörer unerbittlich ein.

Die Depression: Nachdem der natürliche Loop versiegt, kristallisiert sich ein sehr langsames Gitarrenriff heraus, das kaum depressiver Klingen könnte. Offene Töne münden in einem Auftakt, der aus wenigen, etwas schneller gespielten Tönen besteht und die traurige Stimmung vollendet. Hinzu kommt nach einiger Zeit ein sehr schleppender Schlagzeug-Beat, der von einer Doom-Band stammen könnte. Die Krönung des Ganzen ist dann aber Justin Broadricks, mit viel Hall unterlegter Klargesang, der lauter als zuvor der Szenerie ihre Stimmung verleiht. Unglaublich, wie traurig er an dieser Stelle klingt. Der gesamte Part wird mit einer kleinen Taktveränderung zwischendurch intensiv ausgespielt. Perfekt dazu geeignet, das Finale langsam einzuleiten.

Die Auflösung: Das vorige Element wird erneut regelrecht zerspielt und verflüchtigt sich nach einem letzten Blick in den Himmel langsam aber stetig. Es bleiben eine unverzerrte Gitarre und ein seichter Bass über, die einsam und alleine und sehr langsam vor sich hin zupfen. Es folgt nach einiger Zeit eine kleine Ergänzung in Form eines lieblichen, etwas zügiger gezupften Parts, der allein gelassen eine Art positiven Abschluss bildet. Zwischendurch versucht zwar noch die verzerrte Gitarre mit durchgezogenen Tönen dazwischenzufunken und dominiert die positiven Vibes kurzzeitig, am Ende jedoch gibt sie auf und eine Echo-Hall-Konstruktion aus dem Zupfpart, der in einem seichten Noise-Loop endet, schließt das Szenario ab und verkündet somit das Ende.

Letztendlich kann man sich an der fragmentartigen Beschaffenheit von "Infinity" stören, wenn man sich daran stören will. Man kann aber auch einfach nur diesen Schwall an Emotionen zulassen, ihn aufnehmen und sich den verschiedenen Phasen des Liedes hingeben und sie einfach nur genießen. Musik ist Leidenschaft und diese wird hier gekonnt sehr eindringlich transportiert.

» Jesu

INFO-BOX
Künstler Jesu
Titel Infinity
Format Album
Länge 1 Tracks | 49:30
Label Avalanche Recordings
23.07.2009

Leserwertung:

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