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James Carter – "Present Tense"

6. Februar 2009 | ME | Musikrezensionen | 1.796 mal gelesen

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Moderne trifft auf Traditionelles

James Carter - "Present Tense"In den Neunzigern gehörte der US-Amerikaner JAMES CARTER zu den sogenannten "Young Lions", welche dem ein wenig darnieder liegenden und eine modernere, zeitgemäßere Ausdrucksform vergeblich suchenden Jazz seinerzeit neuen Atem einhauchten und nach einer Periode des musikalischen Mainstreams eine Phase plötzlich aufbrandender Jazz-Euphorie einläuteten; man denke in diesem Zusammenhang auch an ROY Hargrove, Joshua Redman oder Greg Osby. Oder Cyrus Chestnut. Stephen Scott. Nicholas Payton. Und einige andere. JAMES CARTER war wie auch einige andere der Obengenannten im "Kansas City"-Film von Robert Altman präsent; lässig spielte er den Altmeister Ben Webster.

Das Besondere an JAMES CARTER ist sicherlich u.a. die Tatsache, dass er für seine Aufnahmen und Konzerte die ganze Bandbreite an möglichen Saxophonen einsetzt: Bass-, Bariton-, Alt-, Tenor-, Sopran- und Mezzo-Saxophon finden virtuos Verwendung. Außerdem greift er bisweilen zu Bassklarinette und Flöte. Daher überrascht es auch nicht, dass er auf "Present Tense", diesem letzten von JAMES CARTER 2008 bei Emarcy erschienenen Album noch vielseitiger als auf den zahlreichen früheren Veröffentlichungen zu Werke geht. Denn CARTER bietet sozusagen eine Mischung aus Post-Bop und Swing; Dreißiger-Atmosphäre trifft auf die alles umwälzenden Fünfziger; auch Bossa Nova und die Moderne halten Einzug.

Drei Eigenkompositionen werden uns präsentiert. Dazu kommen sieben Jazz-Standards bzw. Coversongs. Es fällt auf, dass CARTER den Mitmusikern einigen Raum einräumt; Jeff "Tain" Watts am Schlagzeug, D.D. Jackson am Klavier und Dwight Adams an der Trompete sowie einige weitere Klangkünstler des Genres (Bassist James Genus, Schlagzeuger Victor Lewis, Gitarrist Rodney Jones und Perkussionist Eli Fountain) würden allerdings auch kaum etwas anderes zulassen. Herausgekommen ist nun ein warmes, fließendes, sehr feines Jazz-Album, dass sämtliche Facetten dieser Musikform vereint und dabei Emotion und Intellektualität dieser "Klassik des 20. Jahrhunderts" harmonisch vereint. Die etwas klinische Herangehensweise des "Kansas"-Soundtracks findet man hier nicht.

Der Opener "Rapid Shave" zieht uns sofort in die traditionelle Ecke: Turrentine hat diesen bewegten Rausch einst mit Tenorsaxophon eingespielt, da versteht sich von selbst, dass CARTER die Bariton-Variante wählt. Der Rock 'n Roll ist nicht weit; die Trompete soliert klar, das Klavier antwortet prompt; sogar ein Atemgeräusch a la Keith Jarrett kann bei solch furiosem Beginn nicht ausbleiben. Der Bass hämmert. Und CARTER? Er zieht schon mal alle Register…

"Bro. Dolphy" ist nun die erste Eigenkomposition von CARTER. Urban hektisch beginnend, eröffnet sich sodann eine beinahe intime Note dem Hörer, es ist, als befinde man sich in inmitten des Lärms der Großstadt in einem schattigen stillen Pavillon eines Innenhofs umgeben von rückwärtigen Stadtvillenfassaden, einer Oase der Ruhe und Zurückgezogenheit. So finden dissonante Progressivität und melodische Tradition gleichzeitig Eingang in den Song.
Das abenteuerliche Changieren der Register ist CARTERS Spezialität; selten hat er für seine Experimente eine solch gelungene Form gefunden. Denn die nötige Wärme, die mir bei früheren CARTER-Werken trotz der perfekt umgesetzten Technik so manches Mal fehlte, hier wird sie durch diese immerwährend nostalgisch die Tracks durchziehende gleichsam schwebende USA-in-den-Vierziger-Jahren-Atmosphäre, oder einfacher gesagt durch die grandios diese Epoche intuitiv-musikalisch ausleuchtenden Mitmusiker erzeugt.

Still fährt CARTER fort mit "Pour Ma Vie Demeure", einer Django-Reinhart-Komposition. Traurige, wehmütige Klavierklänge, ein sanft gezupfter Bass und insgesamt einige Anklänge an Sydney Bechet lassen innehalten, stimmen nachdenklich. Die Zigarette brennt vor sich hin, Lauren Becall wird niemals durch diese Tür kommen, das ist klar. "Sussa Nita" ist nun wieder eine Eigenkomposition; sehr lässig der Swing, die Gitarre, welche Sommerflair zaubert, von melancholischem Ausdruck natürlich. Das Saxophon fiebert unter der Sonne. Den Titel der Komposition soll CARTER im Traum von Billie Holiday vorgesungen worden sein…

"Song Of Delilah" (Original: Clifford Brown; Tenor: Sonni Rollins) zeigt, dass CARTER bei aller Liebe zu den Wurzeln des Jazz immer zu seinen kleinen schrägen Experimenten bereit ist; Avantgarde und Neotraditionalismus gehören zum Spiel. "Dodo's Bounce" (Original: Dodo Marmarosa) tönt sehr entspannt; nun befinden wir uns in den Sechzigern, umrahmt von karibischem Flair, hervorgerufen durch vibrierendes, transparentes Flöten- und Gitarrenspiel. "Shadow Sands" huldigt still und ausdrucksvoll Harry Carney, Duke Ellingtons berühmtem Baritonsaxophonist. Der so typische Duke Ellington-Groove wird lässig in die Moderne übertragen, auch Miles wird gekonnt zitiert. Und das Baritonsaxophon kommt auch in "Hymn Of The Orient" (Original: Gigi Gryces) zum Einsatz. Hier soliert CARTER auf die ihm eigene "growlende" Art. Immer wieder fällt auf, dass das konsequente Zusammenspiel und die fein eingestreuten Soli und Improvisationen (hier Trompete/Klavier) einfach kaum zu steigern sind.

Die Eigenkomposition "Bossa J.C." führt uns nochmals zurück an den strahlend-weißen karibischen Strand. Gitarren und Percussion lullen uns sanft ein, während CARTER lässig, beinahe unmerklich Tonalitäten spielerisch verändert. "Tenderly" bietet uns einen stillen Ausklang: wie im bekannten, von der Atmosphäre her ähnlich angelegten Song "Solitude" (an den man beim Hören von "Tenderly" einfach denken muss) befinden wir uns in Abendstimmung, im Einklang und versöhnt mit uns selbst.
Kurzum: JAMES CARTER und seine Freunde haben ein vielseitiges Album mit stark nostalgischer Schlagseite eingespielt. Neues wird nicht ausgelotet. Vielmehr erfolgt ein ausgeklügeltes Spiel mit verschiedenen Musikstilen. Und so manches Mal kehrt ein Akkord nicht zu seiner Ausgangstonart zurück. Und das ist doch schon etwas in dieser Mainstream-Welt, oder?

» James Carter

INFO-BOX
Künstler James Carter
Titel Present Tense
Format Album
Länge 10 Tracks | 63:16
Label Emarcy Records
14.04.2008

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