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Electric Moon – "Live At Epplehaus 2010"

23. Januar 2011 | ME | Musikrezensionen | 3.009 mal gelesen

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Interstellarer Overdrive

Electric Moon - Live At Epplehaus 2010Bastian: "Sie kommen, ich hör's". Es klingelte zaghaft an der Tür der Hotelsuite. "Seid Ihr die Schreiberlinge? Ich bin übrigens Rüdiger, kannst mich ma Rü nennen, wa? Bin Euer Fahrer ins Glück, soviel ist klar." "Klar, Mann, davon kann man ausgehen, wenn man Dich so ansieht… was geht?" antwortete Sickman, auch "Zorn des Nordens" genannt. Bastian ("Cusack der Schweigsame") und ich,  Stendahl ("Das Fallbeil") griffen unsere Schreibutensilien, Fotoausrüstung und Sonnenbrillen, also alles, was nötig sein würde für den Abend mit ELECTRIC MOON im Epplehaus in Tübingen. Vor dem Haus erwartete uns ein mit Peacezeichen und allerlei Sechziger-Applikationen bestückter VW-Bus mit großem "Sula Bassana" Schriftzug in orange mit filigran grünem Rand; von oben links zog sich eine Art malerischer Sternschnuppe; eine blaue Schrift verkündete die Ankunft des "Kometen Lulu". Wir konnten gerade noch erkennen, dass in verwirrender Camouflage-Manier quer über das Dach des Fahrzeugs das Sinnsprüchlein "Carneval für alle – Drum mit Pablo" in bewundernswert mäandernder Linien- und Farbstruktur gezeichnet, einige Ablenkung für etwaige Verfolger aus der Luft bilden konnte. Ca. 20 weitere Hippies mit bunten Bleistiften und oder Zigaretten, so klar war das nicht zu erkennen, bevölkerten munter in eigenartigen Posen des sitzenden Tanzes sozusagen das Innere des VW-Busses, klar schon vom Inneren unseres Motels hatten auch wir die Klänge des bassschwer rockenden Autoamplifiers vernommen, "Mistreated" von DEEP PURPLE in irgendeiner Endlos-Japan-Version, wahrscheinlich mit Tommy Bolin.

"Aähhh…, ich bin Prediger, das da ist Lazarus… und der hier heißt Stulli, stimmt doch, oder??? Und das da ist Hel… ey, Hel, nu stell Dich ma vor… ey, Du, ja Du, sach ma…" So ging das eine Weile; diese Prozedur kürzten wir drei durch lässiges Abnicken ab und nahmen auf dem Fußboden des Fahrzeugs Platz, wobei auffiel, das Kollege Sick bereits zu diesem Zeitpunkt interessantes an Hel zu entdecken glaubte… Müßig zu sagen, dass die aus seltsamen indischen Stoffen abgehängten Scheiben und die unvermeidlich dichten Rauchschwaden wenig Orientierung innerhalb des höhlenartigen Gefährts zuließen. Nach einer kurzen Fahrt direkt in den Konzertsaal (selten erlebt, so ein Service) waren wir schon mitten drin in den Vorbereitungen für das Jamspektakel. Die Halle war bereits sehr gut mit sonderbaren Lebewesen angefüllt. Haare, Peace, Schlaghosen, Mandalas, Amulette, John-Lennon-Brillen, Sinn für Fernost allerorten, das muss man erst einmal sacken lassen. Kurze professionelle Begrüßung mit den Hauptdarstellern der urtümlichen Szenerie auf tibetanisch (Sula, Pablo, Komet Lulu: "Hey Leutz, cool, dass Ihr da seid." Sick: "Yeahhhh, wird ne Schlacht, mein Jungchen." "Bastian: "Ahoi, feine Axt, das Ding da, Lulu…" Stendahl: "So Prachtmädels, lasst ma endlich die Waffen sprechen."), dann die Aufforderung an uns vom Meister Sula, übrigens in feinem herrlich weißen Raumgleiteranzug ("Unternehmen Capricorn") persönlich: "Hier steht, äh sitzt, was auch immer, also hier hört Ihr jedenfalls am besten; da wo ich ma die Kreise am Boden aufgemalt hab, ja da" Sickman: "Hä? Watn für Kreise?" Bastian: "Hier, unter dem Riesenmond, da stoß ich mir ja dauernd den Schädel, hab keinen Helm auf, verdammt oder hast Du Deinen bei Stendi?" Stendahl: "Nee… Nur meinen Trinkschädel, an den Helm hab ich jetzt mal gar nicht gedacht, so schlimm, Basti?" Komet (in schickem Lieutenant Uhura-Design): "Egal, sieht man eh nicht, die Kreise und nachm zweiten Bumms am Mond tuts auch nicht mehr weh, was? Also, hier bleibt Ihr, raucht erstmal was, hier nimm ma, Kleiner". Und Pablo, er spielt hier den Peruaner oder Uruguayer des Abends, mit fein rot-orange-hellblau gestreiftem Poncho wie einst Zorrino aus Tim Und Struppi, dazu eine stilechte, fein sitzende Mütze mit Ohrenklappen aus Sonnentempelgefilden (das weiß schon einmal zu begeistern), verteilt, was wohl Räucherware darstellen soll und eben frisch aus der Heimat importiert wurde. "Alles klar, Chefin" wagte ich zu entäußern und sichtete mal die Setlist. Das Gedächtnis nicht restlos überfordernd bestand sie aus genau zwei Tracks, indessen Kollege Sick bereits mit einer fein geformten Zigarette auf dem Boden saß und leutselig Fräulein Hels schmale Fesseln eingehend begutachtete.

Übergangslos begannen irgendwelche eigenwilligen Lichtspielereien, plötzlich waren die Musiker vorn, dort, wo man eine Art Bühne vermuten durfte. Nebelschwaden vor uns, schillernde Farbringe unter uns, zähflüssige Lava über uns wankten wir, die Mescaline-Crew nicht wenig im Angesicht des Dämons, welcher sich der Seelen zunächst zaghaft, später verbissen, bemächtigte. "Demoon" ist in der Tat ein trefflicher Titel für dieses musikalische Gewaber. Denn "The Fog" holt den Hörer ein, egal wo er sich im Auditorium gerade befindet, Entkommen ausgeschlossen. Sula entlockt seiner Klampfe die seltsamsten Effekte und obwohl die drei Musiker nur auf ganz wenig Basisakkorde zurückgreifen, erzeugen sie eine Spannung, eine Art Trance, der sie sich am Ende selbst nicht mehr entziehen können. Komet Lulu versucht gar nicht erst, den Dämon zu bekämpfen; eher findet ein ritualisierter Tanz um eine für uns Nichteingeweihte unbekannte heilige Stätte eines archaischen Naturvolkes statt; wir machen mit, ohne zu verstehen.

Während ich bemerke, dass Kollege Bastian tatsächlich den klebrigen mexikanischen Cocktail schlürft und wie beiläufig auf die Glut einer unschuldig dargebotenen Zigarette schaut (und auch hastig mal zieht), während Sickman noch nie so lange Haare hatte wie jetzt und ich selbst scheinbar 3 Meter Körpergröße erreiche und die anderen Besucher des Konzertes nur noch als Scherenschnitte wahrnehme, solieren sich Komet Lulu und Sula ins Nirwana. Der nimmermüde Drummer Pablo ermuntert die beiden mit seinem äußerst variablem Spiel, das ähnlich wie im Jazz auf den Ausdruck ausgelegt ist, den Dämon zu umkreisen, seine Macht herauszufordern. Dennoch, nach einer Dreiviertelstunde ist die Orgie beendet, wir müssen erst einmal zu uns kommen, uns auf die regulären Größen- und Lichtverhältnisse einstellen. Ist der Dämon hinfort? Es scheint so… Bastian sucht den Wasserhahn ("Kein Abend ohne Wasser, Alder") doch gibt es so was hier überhaupt? "Ey, hier, trink ma… schmeckt wie Wasser, ja, na los…" Bastian, immer gut in Physik, oder ist das Chemie??? Egal, konnte ich nie unterscheiden: "Sei ehrlich, das ist Methylalkohol, oder, Wüstenbursche?" (Zeigefinger bzw. Pommesgabel) "Hast Du doch gerade aus dem VW-Bus abgezapft, was? Naja, heute auch egal…"

Während ich mich noch wunderte, dass Lola Redhot ausgerechnet auf meinen Knien landet und bereits wellenförmige Bewegungen anstimmt, die auch Klein-Stendahl nicht gänzlich kalt lassen, merkte ich erst, dass wir uns inmitten des nächsten, etwas tiefer gelegten Songes befanden. "Doomsday Machine" tönt wie ein sich nähernder Riesensaurier, welcher Mammutbäumen, Hochhäuserschluchten und Canyons keine Chance lässt. Aber: es folgt dann diese ruhige Solopassage, welche mich schon an die Jamsessions seliger Krautrockbands erinnert. Komet Lulu ist nun ganz auf dem Saturn angekommen; Sula durchstreift die Ringe, zieht Bahnen, weicht den Eisbrocken aus, streift Meteoriten, es nähert sich der interstellare Overdrive. Lola Redhot war in Ordnung, ich erlaubte ihr mehr als ich ursprünglich vorhatte; machte nichts, von Dinosauriern und Meteoriten umgeben kann man nicht lange fackeln, das Leben ist zu kurz. Auch Mattsick ist gerade nicht unglücklich; ob über seine fünfte Zigarette exorbitanten Ausmaßes, ähnlich einem Megaphon im Grunde, den peruanischen Sud der Titty Twister-Bar oder Hel-The-Uschi-Obermaier-Queen, dieses verruchte Fräulein mit den Klimperäuglein, wer wollte das entscheiden?

Bastian notierte derweil was ihm in den Sinn kam; sah man jedoch genauer hin, nun, dann zeigte sich ein anderes Bild: zog er doch mit dem Bleistift wunderbare Kreise über das gigantische nicht nur über die Schulter laufende KMFDM-Tattoo einer mir bisher unbekannten Dame gothischen Layouts recht jungen Alters. "Doomsday Machine" steigert sich, beginnt Fahrt aufzunehmen, sich auszudehnen, der Höhepunkt naht; Schweiß von der Menge des Michigan-Sees ist die Folge, was solls, Haie gibt hier nicht, und Tintenfische sind unser geringstes Problem. Den Rhythmus MUSSTE mitgehen, wer hier war… Das Finale rauschte melodisch, wandte sich ins Licht, der Ausklang, der zweite Teil des Tracks gibt sich weit weniger düster als der Beginn desselben. Es wurde ein furioses Ende… Nun, alles darf hier nicht verraten werden. Wir haben ja alle ein Privatleben, was? Nach dem letzten Gitarrenton schlagen wir die Drei lässig ab wie Pizarro den Almeida einst im Mai. Sowas muss sein, Männer müssen das haben, sorry. Frauen auch, denn Komet Lulu machte mit. Bei mir traf sie die Wange, aber okay, wird wohl einen Grund gehabt haben. Die erschöpften Musiker treffen wir später noch. Auch die Buben und Madeln von VIBRAVOID, die auch vorher ein tolles Konzert gegeben haben. Nun, Matt, Bastian und ich haben es überstanden, Dämonen, Dinos, Schwarze Löcher. Gut überstanden muss man sagen, wenn man unsere lässig ondulierten Frisuren begutachtet. Sick: "Gleich nochma… was Basti?" Bastian: "Och, lass mal, ich muss morgen in die Uni." Stendahl: "Hab Lola Redhot ma als Fahrerin eingeteilt, Rü ist eh verschwunden, jemand was dagegen?" Sick: "Hehe…" Bastian: "Okay… Don't Falter, Alter… Sach ma, habt Ihr eigentlich Notizen gemacht???" Sick: "Äh… öh… nicht so richtig, das heißt… also ich wollte, ja…" Stendahl: "Oh… also, stimmt, mal drüber nachdenken, naja, Fotos ham wir ja quasi im Kopp, was, Sick, wo guckst Du denn wieder hin, SICK!!!! Und wo ist mein verdammter Trinkschädel, der war original vom Lechfeld, sakra!"

Ist immer so bei uns.

8/10

» Electric Moon

INFO-BOX
Künstler Electric Moon
Titel Live At Epplehaus 2010
Format Doppel-Album
Länge 2 Tracks | 1:27:28
Label Sulatron Records
28.11.2010

Leserwertung:

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2 Comments zu Electric Moon – "Live At Epplehaus 2010"

Dave
23. Januar 2011

was hat der mann zu sich genommen???
:-)))

Komet Lulu
23. Januar 2011

Hallloooooo – sag mal, habt ihr Hustensaft genommen? Die Rezi is ja fast noch psychedelischer als die Mucke, hahahaha!

Und Luc, nee, ich hab deine Wange nich geklatscht! Den Popo! :))))

Dankesehr, das freut uns ja. Ich glaube, ich habe noch nie eine dermaßen WAHNSINNIGE Plattenkritik gelesen! Als wärt ihr bei unserem Konzert gewesen, hehehe, irre! Wenn ich dir jetzt verrate, dass ca. 7 Leute da waren….. Aber dennoch war dort eine seeeehr psychedelische Stimmung…

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