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Matthias Herr – "The Black Metal Bible"

1. September 2014 | Bastian | Bücher | 4.886 mal gelesen

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Nachruf auf ein unverstandenes Werk

Matthias Herr - "The Black Metal Bible"Für Viele war es ein Affront, eine Provokation. Nur wenige Wochen nach seiner Veröffentlichung war es die wohl am heftigsten kritisierte und noch heftiger verrissene Heavy-Metal-Publikation im Printbereich der deutschen Metalszene. Und das alles scheinbar nur, weil man das bis dato letzte Werk eines erfahrenen Musikjournalisten partout nicht verstehen wollte. Aber der Reihe nach.

Matthias Herr, gebürtiger Berliner, Jahrgang 1958, hatte sich in den Jahren zuvor vor allem durch seine Heavy Metal Lexika einen klangvollen Namen gemacht. Die im eigenen Verlag veröffentlichten, zusammen mehrere hundert Seiten starken Werke waren nicht nur Vorreiter – Herr leistete hier unzweifelhaft Pionierarbeit – sondern leisteten auch einen wichtigen Beitrag zur enzyklopädischen Erfassung von Heavy-Metal-Bands, lange bevor es das WWW und spezialisierte Webseiten wie die "Metal Archives" gab. Gräbt man sich durch Google-Suchergebnisse, wird man größtenteils nur lobende Worte darüber lesen, denn für nicht wenige Metal-Fans waren diese Lexika unverzichtbare Wegbegleiter und Nachschlagewerke bei der eigenen Heavy-Metal-Sozialisation. Herrs Bücher konnten völlig neue Welten eröffnen, neue Perspektiven erschließen und Wissen erweitern. Prägend und von vielen Lesern geschätzt waren Herrs Anekdoten, sein ureigener Schreibstil und eine durchaus angenehme Portion Subjektivität, die er sich nicht aus den Händen nehmen ließ, und dieses Markenzeichen auch pflegte. Die Lexika boten keinen tiefgründigen, wissenschaftlichen Zugang, dafür aber leichte und unterhaltsame Lesekost, immer gut gewürzt durch Herrs ganz persönliche Betrachtungen.

Und dann kam sie – die Black Metal Bible. Nachdem das Heavy Metal Lexikon 1996 bereits in die fünfte Runde gegangen war, konzentrierte sich Herr in seinem neuen Buch vor allem auf die dunkle Seite des Metals. Den Titel wählte er bewusst interpretationsoffener, als er allgemein wahrgenommen wurde. Entgegen den Erwartungen, die leider auch durch reißerische Werbetexte in damaligen Mailorderkatalogen angeheizt wurden, sollte es mitnichten nur um 'Black Metal' per definitionem gehen, sondern wie schon im Heavy Metal Lexikon Vol. 5, welches u.a. auch NIRVANA und GREEN DAY behandelte, auch um Bands aus der Grauzone, Bands die Pionierarbeit geleistet hatten oder die sich aufgrund welcher Qualitätsmerkmale auch immer (die Auswahl oblag einzig und allein dem Autoren, meistens waren es die vereinenden Sujets von Satanismus und Okkultismus) dem Themenkreis des Black Metals zurechnen ließen. Dazu gehörten z. B. auch Bands, denen seitens zeitgenössischer Mainstream-Presse satanische Aktivitäten nachgesagt wurden, und/oder die bewusst mit entsprechender Symbolik kokettierten (KISS, anyone?). Im Vorwort, welches die meisten Kritiker von damals bewusst überlasen oder nicht mehr erinnerten, erklärte er seinen wenig originellen Kunstgriff: Da das Buch auf schwarzen Seiten gedruckt sei, sei es eben eine "schwarze" Metal-Bibel.

Im Umfang übertraf die Black Metal Bible seine bisherigen Lexika um ein Vielfaches, das Konzept aber folgte der vertrauten Routine aus Bandbiographien, zusammenfassenden Rezensionen einzelner Werke, diskographischen Daten, ausgewählten Plattencovern, Sternewertungen als Orientierung zwischen Schrott und Pflichtkauf und natürlich Herrs persönliche Anekdoten und Anmerkungen. Auf gut 600 Seiten versammelte Herr einige hundert Bands von A bis Z, von denen besonders herausragende Vertreter gleich mehrere Seiten für sich beanspruchten. Die Auswahl der Bands war einer der ersten Angriffspunkte der Kritik, die Herr durchaus vertraut war, war man den Heavy Metal Lexika doch ebenso begegnet. Viele bemängelten den offenbar zu unscharfen Fokus auf die "echten" Black Metal Bands, waren irritiert von Bands, die offenbar weder 'black' noch 'metal' genug waren, während die Abwesenheit anderer Bands beklagt wurde. Dazu kann man in der Retrospektive nur sagen, dass gerade der Faktor der Vollständigkeit ein Problem jedes enzyklopädischen Werkes ist. Herr hat in seinem ausführlichen Vorwort neben der etwas holprigen Erklärung für den Buchtitel sehr nachvollziehbar erläutert, nach welchen Gesichtspunkten er seine Auswahl getroffen hat. Das kann man akzeptieren, muss man natürlich nicht. Objektiv betrachtet finden sich aber durchaus die wichtigsten und prägendsten Vertreter aus allen Phasen und Vorstufen des Black Metals, von Bands wie COVEN über die Namensgeber VENOM, von BATHORY und DARKTHRONE bis hin zu den kommerziellen Durchstartern der späten 90er Jahre, DIMMU BORGIR und CRADLE OF FILTH. In seiner Auswahl ließ Herr dabei seinen Blick in alle Länder der Welt streifen, vom Massenmarkt Europa bis hin zu solchen Flecken, in denen Heavy Metal generell Exotenstatus besitzt.

Da Black Metal bis heute die wohl extremste und auch ideologisch geprägteste Ausrichtung des Heavy Metal ist, war es fast schon vorherzusehen, dass es hier zu Reibereien kommen musste. Fragmentarisch arbeitete sich Herr an Themenkomplexen wie der blutigen Geschichte des norwegischen Black Metal ab, rechtsradikalen Auswüchsen á la Rob Darken (GRAVELAND), oder Rassismus innerhalb der Szene am Beispiel der Kanadier BLASPHEMY. Vor allem dokumentierte Herr mit zahlreichen Interviewzitaten (deren Umfang zurecht kritisiert wurde) den jugendlichen Übereifer von Szeneprotagonisten, die sich in ihren jungen Jahren zu teils unmöglichen und schlicht naiven Statements haben hinreißen lassen. Heute wissen wir, dass zumindest die meisten von ihnen auch geistig erwachsen geworden sind; Herr ließ jedoch oft kein gutes Haar an den bewusst provokanten Sprüchen und ihren Urhebern. Für viele Fans und auch Musiker muss das damals wie Majestätsbeleidigung gewirkt haben, gerade auch die deutsche, selbsternannte Black-Metal-Elite fühlte sich wohl kollektiv auf den Schlips getreten, wenn Herr unreflektiertem Hass eine schriftliche Retourkutsche erteilte. Szenewächter wie die Schreiber vom (zwischenzeitlich verblichenen und vor ein paar Jahren von Neonazis gekaperten) Ablaze-Fanmagazin fuhren mehrere Monate lang eine regelrechte Kampagne, in der es zu keinem Zeitpunkt um eine konstruktive Auseinandersetzung mit Herrs Buch ging. Doch auch in vielen anderen Publikationen erntete die Black Metal Bible gnadenlose Verrisse. War jegliches objektives Argumentationsfeuer verschossen, lud man das ad hominem Magazin nach, und bediente sich plumper, oberflächlicher Angriffe wie auf Herrs Portraitbild auf dem Buchrücken. Nachdem Herr sich bereits für die Lexika jeweils vor seinem Plattenregal hatte ablichten lassen, war er dort – vollkommen untrve! – mit beachtlicher Muskelmasse, Ohrring und Netzhemd zu sehen.

Erschwerend hinzu kommt wohl auch die Tatsache, dass Herr nie die offene Konfrontation mit der Metalszene und -presse gescheut hatte, egal ob "Gummi Hammer" oder Underground-Postillen, egal ob No-name oder Superstar – Herr legte Wert auf seine Berliner Schnauze und nahm auch in der Black Metal Bible kein Blatt vor den Mund, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Viele Leser nahmen das zu persönlich oder störten sich massiv an der offen zur Schau gestellten Subjektivität, auch wenn Herr sich im Vorwort schon darauf verständigt hatte, kein neutraler Beobachter sein zu wollen. Doch egal, ob man mit Herrs bisherigen Erzeugnissen vertraut war oder nicht, hatte man es hier mit einer Publikation zu tun, die vor allem aus Rezensionstexten besteht. Als Leser hilft einem da vor allem die kritische Distanz, die man auch bei Fanzines u.ä. einnehmen sollte. Damit hatten vor allem die Kritiker von damals nachweislich ein Problem.

Gewiss, es gab handwerkliche Schwächen wie auch bei den HML-Ausgaben, aber insgesamt bot die Black Metal Bible damals einen beeindruckenden Überblick zur extremsten und kontroversesten Spielart des Heavy Metal und wurde von vielen Lesern auch genau aus diesem Grund sehr geschätzt. Wie bei den Lexika konnte man hier vor allem den persönlichen Horizont erweitern – ohne dafür die Meinung des Autoren teilen zu müssen.
Der gehörigste Nachteil solcher Werke ist ihr statischer Charakter, der auch durch Kontinuität nicht gänzlich aufgebrochen werden kann. Zudem hat sich das Konzept einer solchen Print-Enzyklopädie angesichts von riesigen Internet-Textressourcen und spezialisierten Datenbanken im Web 2.0 mittlerweile komplett überholt.

Für mich persönlich war die "Bibel" ein jahrelanger Begleiter, durch die ich eine ganze Menge mehr oder weniger interessanter Bands kennengelernt habe. Dazu reichten meistens Herrs Lobhudeleien oder seine amüsanten Verrisse – für mich war das weniger Anlass, um an der Kompetenz des Autors zu zweifeln, sondern mehr, um herauszufinden, was ihn da im Speziellen zum Schreiben seiner Worte inspiriert hat. Genau das sollte doch eigentlich maßgeblich für den Hörer sein: Nicht was und von wem, sondern worüber geschrieben wird. Und nachdem das dicke, schwarze Buch irgendwann nur noch im Regal herumstand, verkaufte ich es aus rein pragmatischen Gründen an einen glücklichen Sammler. Wie auch seine Lexika ist die Black Metal Bible mittlerweile hoffnungslos vergriffen, ab und an findet man gebrauchte Exemplare, für die man mehr als den doppelten Originalpreis hinlegen muss.

Aus der geplanten (und im Schlußwort angekündigten) Fortsetzung wurde indes nichts mehr. Herr muss die massive Kritik dermaßen zugesetzt haben, dass er sich komplett aus der Szene verabschiedet hat. Ein wenig hatte sich das schon im letzten HML angekündigt, bei dem stark durchschimmerte, dass der Tradionalist in Herr sich immer weniger mit den neuesten Entwicklungen seines Lieblingsgenres, aber eben auch der angeblich so offenherzigen Szene, anfreunden konnte. Da muss der Sturm gegen seine Black Metal Bible zwangsläufig für einen Bruch und gleichzeitig Bestätigung seiner Sichtweise gesorgt haben, auch wenn mir persönlich genaue Informationen dazu fehlen. Interviews hat Herr jedenfalls bis heute keine mehr gegeben, und in etlichen Foren wird immer mal wieder gerätselt, was er denn heute so macht. Mich hat diese Frage letztendlich dazu bewogen, diesen Text hier zu verfassen, sozusagen als Nachruf auf ein von Vielen unverstandenes Werk.

Matthias, falls Du das hier liest: Danke. Für alles.

Matthias Herr. The Black Metal Bible. Matthias Herr Verlag: Berlin, 1998

Leserwertung:

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4 Comments zu Matthias Herr – "The Black Metal Bible"

Gaby Kollmann
1. September 2014

Ich bin im Besitz von allen seinen Werken mit Ausnahme von "The Black Metal Bible" (welche ich mir der Vollständigkeit halber sicher noch zulegen werde). Auch ich bin / war treue Leserin seiner Bücher, gab ihm Feedbacks, und hüte sie auch weiterhin. Auf die Frage, welche Bücher man auf eine einsame Insel mitnehmen würde? Diese unbedingt….
Richtig, Matthias ist leider "abgetaucht" und mein letzter Brief an ihn kam zurück.
Vielen Dank für diese Hommage an ihn.

Uwe
25. Dezember 2014

Hallo,
Respekt für den tollen Text. Der Nachruf trifft meine Meinung zu 100%. Was habe ich nicht seinerzeit nach dem Erwerb des "Heavy Metal Lexikon Vol.1" über die Einschätzungen des Autors gestaunt, gelacht, war entrüstet, habe ihm beigepflichtet, etc. Tolle, informative Unterhaltung.
Aber, und das ist denke ich das entscheidene, ich hätte etliche Platten von tollen Metal-Bands weniger im Regal stehen, wenn Matthias Herrs Lexika mich nicht neugierig gemacht hätten – danke dafür vielmals !
Für mich ist die "Black Metal Bible", ebenso wie seine Heavy Metal Lexika, ein Wegbegleiter über ein Jahrzehnt im Metal-Dschungel.
Up the Irons und von mir ebenfalls wie von Frau Kollmann, die den 1. Kommentar verfasst hat – vielen Dank für die Hommage an Matthias Herr.

Bastian
1. Januar 2015

Hallo Uwe, vielen Dank für Deinen Kommentar und Dein Lob!
-Bastian

Reimar
15. Januar 2015

Danke, Bastian, für den sprachlich und inhaltlich hervorragenden "Nachruf". Auch ich wurde durch die "Heavy Metal Lexika" sozialisiert – sie gehören zu meinen meist gelesenen Büchern, und ich würde sie für kein Geld der Welt verkaufen. Lese gerade die "Black Metal Bible", die ich mir (obwohl das eigentlich gar nicht meine Musikrichtung ist) teuer zugelegt habe – und ich habe jetzt wirklich Lust, mir ein paar der dort besprochenen Klassiker zu besorgen. Lieber Matthias – trotz oder gerade wegen des Internets: Bitte veröffentliche doch aktualisierte Neuauflagen deiner Werke, und vor allem komm zurück in die Szene! Es gibt mehr Leute, die dich vermissen, als du denkst!! Danke Matthias für die Empfehlungen von Hunderten von Alben, und danke Bastian für den großartigen Text!

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