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La Belle Verte (1996)

23. März 2010 | Bastian | Filmrezensionen

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La Belle VerteNot banned in Europe

Um gleich zu Beginn mit einem kleinen Mythos aufzuräumen, der sich um diesen Film rankt: La Belle Verte ist weder in ganz Europa verboten, noch ist er es im Rest der Welt. Das Internet ist immer wieder ein schöner Ort, um Gerüchte brodeln zu lassen, die sich ohne großen Aufwand schnell weiter verbreiten, ein Eigenleben entwickeln und dank des hartnäckigen Gedächtnisses des Netzes auch nie ganz verschwinden. In vielen Foren und auch auf Videoportalen wie YouTube wird teilweise erhitzt darüber diskutiert, warum dieser “kontroverse” und “revolutionäre” Film denn unter Verschluß gehalten wird, wobei immer wieder gängige Verschwörungstheorien über Staatsgewalt und Medienkontrolle bemüht werden.

Fakt ist eins: La Belle Verte ist nur deshalb ein wenig in der Versenkung verschwunden, weil es verdammt schwer ist, ihn zu beschaffen (er wird aber hin und wieder im Fernsehen ausgestrahlt). Das ist aber keinen ominösen Geheimbünden geschuldet, sondern ganz einfach den Verleihern dieses Films, die entweder selbst kein Interesse daran haben, diesen Film neu aufzulegen, oder die kein Interesse seitens ihrer Kundschaft erkennen können. Die aktuellste Auflage war bis September letzten Jahres die achtteilige DVD-Box (2007) des filmischen Schaffens von Regisseurin Coline Serreau, die hier die Hauptrolle spielt und einst auch die französische Orginalvorlage für 3 Männer und ein Baby gedreht hat. Mittlerweile ist ein Begleitbuch zum Film erschienen, welches ebenfalls mit einer DVD ausgestattet ist.

Grüne Philosophie für den blauen Planeten

Was kann so kontrovers und “gefährlich” an einem Film sein, dass sich die Verbotsgerüchte so hartnäckig halten? Man könnte sagen, dass La Belle Verte ein kleiner, provokanter, philosophischer Filmessay ist, der an Aktualität nicht einbüßende Themen wie Ökologie, Konsumgesellschaft, Feminismus, Humanismus, Pazifismus und gesellschaftliche Wertvorstellungen behandelt.
Ausgangspunkt der Geschichte, die den Rahmen bildet, ist ein ferner Planet, auf dem sich die Bewohner zu einem jährlichen, planetaren Treffen zusammenfinden. In diesen ersten Minuten erfährt man schon ziemlich viel von dieser grünen Welt, die sich von der der Erdlinge stark unterscheidet. Auf dem Treffen geht es u.a. um Tauschhandel von Nahrung und Gebrauchsgegenständen; man erfährt, dass die Bewohner sehr alt werden (150 Jahre gelten noch nicht als “alt”). An der Frage, wer als nächstes die Erde besuchen soll, auf der man schon seit 200 Jahren nicht mehr gewesen ist, entzündet sich eine lebhafte Diskussion um die Rückständigkeit der Erdenmenschen. Sie fahren noch Autos, sie benutzen noch Geld… Ein schöner Seitenhieb auf den Rassismus kommt mit der Erklärung, dass die Degeneriertesten sich als höherwertig erklärten, gegen alle ‘Untermenschen’ kämpften und deshalb jetzt nur die Degenerierten an der Macht sind. Seltsamerweise sieht man aber auf dem grünen Planeten nur Mitteleuropäer, keine Asiaten, keine Schwarzafrikaner, keine Inder.

Mila, Mutter von zwei Kindern, meldet sich freiwillig für die Reise zur Erde, um dort ihrer eigenen Vergangenheit auf den Grund zu gehen. Sie fliegt aber nicht in einem Raumschiff, sondern in einer Art Blase, die keinen technologischen Ursprung zu haben scheint, sondern wahrscheinlich zu den geistigen Fähigkeiten der Bewohner gehört. Mutet der Anfang des Films noch etwas eigenartig an, wandelt er sich nun zur Komödie. Mila’s “Exkursion” auf der Erde ist quasi wie die Reise durch ein fremdes Land mit fremder Kultur und fremden Menschen. Neben Autos und Geld macht sie vor allem die Bekanntschaft mit vielen unterschiedlichen Menschen, die totes Fleisch essen, unfreundlich sind, verpestete Luft einatmen und noch jede Menge anderer seltsamer Dinge tun. Die Handlung ist an dieser Stelle eher zweitrangig, wichtiger sind die Fragen und Gedankenanstöße, die La Belle Verte liefern will, und dies auch in teilweise provokanter Art tut.
Betonwüsten in den Städten, Luft- und Umweltverschmutzung, ungesundes Leben in einer auf ständigen Konsum und Wachstum getrimmten Gesellschaft: Serreau stellt ihre Fragen oft auf naive, kindliche Weise, weil sie in dieser Form sehr effektiv sein können. Mila kann die Verbindung, die Erdlinge mit diesem Leben haben, aufbrechen, und wirkt dabei wie ein Wahrheitsserum. Aus Fleischessern werden Vegetarier, Menschen umarmen Bäume und werfen ihre Schuhe weg, Musiker spielen statt sturer, theoretischer Klassik das was sie wollen, und Fußballer tanzen auf dem Rasen Ballett. Ein Ehepaar dagegen räumt mit seinem bisherigen Leben auf: Er gesteht ihr, ein Vollidiot zu sein, der nichts in seinem Leben vorzuweisen hat (seine beiden Kinder wären sich sicherlich sehr gerührt über dieses Geständnis), seine Frau dagegen gesteht ihm, nur wegen seines Geldes mit ihm zusammen zu sein.

Ideologischer, gesellschaftskritischer Schwurbel

Das große Problem des Films ist die Unausgewogenheit, die fehlende Balance. Die Kritik wirkt bisweilen zu platt, andererseits wird sie durch das Komische teilweise völlig überlagert, so dass die eigentliche Botschaft regelrecht plattgewalzt wird. An anderer Stelle weiß man als Zuschauer nicht genau, ob einige der sehr kruden Ansichten des Films wirklich ernstgemeint sind, oder ob damit die Kritik ironisch auf die Spitze getrieben wird. Warum leben wir in einer Welt, in der Menschen sich und ihre Umwelt zerstören? Warum ändern wir nichts an gesellschaftlichen Problemen, warum weigern oder fürchten wir uns, diese beim Namen zu nennen und zu lösen? Das sind alles berechtigte Fragen, doch die im Film behandelten Beispiele bleiben oft ohne Alternative.
Geld wird z.B. nicht als das Ersatzwertobjekt betrachtet, welches im jahrtausendealten Tauschhandel der Menschheit entwickelt wurde, sondern als etwas, ohne dass man nicht leben kann. Das ist erstmal richtig: Ohne Geld kann man sich keine Nahrung und keine Kleidung kaufen. Aber auf dem grünen Planeten wird auch getauscht – und was machen die Bewohner dort, wenn der Tauschpartner keinen Tauschgegenstand hat? Gehört allen alles, oder ist das Leben unter den Bewohnern durch extreme Großzügigkeit geprägt? Das also kein Unterschied zwischen Leistungsträgern und Leistungsempfängern gemacht wird? Für das Empfinden von Gerechtigkeit dürfte selbst auf dem grünen Planeten Ausgewogenheit und Verhältnismäßigkeit entscheidend sein. Und die kann es nicht geben, wenn jemand nur gibt und ein anderer nur nimmt.
Der Verzicht auf Fleisch als Sinnbild gesunder Lebensweise wird auch nur sehr oberflächlich mit dem Hinweis auf Grausamkeit an Tieren begründet, eine echte Argumentation findet nicht statt. Und wenn Mila dann eine nichts ahnende Passantin fragt, ob die Erdbewohner Fleischfresser sind, ist das schon reichlich naiv, denn natürlich sind Menschen nicht nur Pflanzenfresser sondern eben auch seit frühester Geschichte Fleischfresser. Interessanterweise sieht man bis auf die Anfangssequenz des Films überhaupt keine Tiere auf dem grünen Planeten. Entweder haben sie eine sehr gute Beziehung zu ihnen, oder überhaupt keine.

Schöner Leben durch Perfektion

Das Bild der intelligenteren und lebensweiseren Bewohner des grünen Planeten, die die Menschheit zum Umdenken bewegen könnten, gerät im Verlauf des Films immer mehr zur Farce. Deutlich wird dies, als Milas Söhne einen näheren Einblick in das Leben auf dem Planeten geben. Schnell wird klar, dass sie in einer Fantasiewelt ein Zirkusleben führen, auf einem Schönwetterplaneten, der von Wundermenschen bevölkert ist, deren vielfältige Fähigkeiten ihnen diese alternative Lebensweise überhaupt erst ermöglichen. Dort, wo man statt altmodischer Musik Konzerte der Stille genießt. Richtig absurd wird es, als sie von der geradezu planwirtschaftlichen Populationskontrolle erzählen, bei der auf den jährlichen Zusammenkünften bestimmt wird, wer wieviele Kinder haben darf, abhängig von der zu erwartenden Ernte. Das ist noch übler als 7-Jahres-Pläne und die 1-Kind-Politik Chinas, mal abgesehen davon, dass der grüne Planet mit der Langlebigkeit seiner Bewohner irgendwann in arge Bedrängnis kommen würde. Es ist eine perfekte Welt ohne Makel, ohne Konflikte. Doch etwas ohne Makel ist unnatürlich und hat auch keine Motivation sich weiterzuentwickeln. Das Ergebnis dieses Zustandes wäre logischerweise Stagnation. Sollte dies tatsächlich erstrebenswert sein?

Dieses Absurde und Urkomische drängt die interessanten Ansätze leider zu sehr in den Hintergrund. Dingen wie Konsumverweigerung und aktive politische und gesellschaftliche Teilhabe fehlt auf dem grünen Planeten das Spiegelbild, weil dieser Teil ihrer Geschichte bereits in den Bereich der Archäologie fällt, und damit selbst für viele Bewohner unerreichbar und uninteressant geworden ist. Abseits von radikalen “Entkoppelungen” der Menschen durch Mila und ihre Söhne wird kein Weg in eine bessere Zukunft gezeigt, keine Erklärung geliefert, sondern der Versuch einer Utopie angestellt, die mehr Ähnlichkeiten mit einer Hippiekommune als einer realistischen Perspektive hat, und sich zudem in Widersprüche verstrickt. Die vielen Fragen und Gedanken, die hinter diesem Film stehen, sie verlieren unter der erdrückenden, komischen Last leider ihre Ernsthaftigkeit und ihre Wirkung.

Das ist natürlich kein Pauschalurteil, und es gibt nicht wenige Leute, für die La Belle Verte ein Augenöffner geworden ist. Aber wenn der Film wirklich das Potential hätte, eine fundierte und glaubwürdige These über das gegenwärtige und zukünftige Leben der Menschheit zu liefern, dann wäre er, gerade wegen des Internets (!), heute so populär wie Zeitgeist, Loose Change, An Inconvenient Truth oder Earthlings. So ist er eine etwas obskure Komödie, die trotz bester Absichten immer nur ein kleiner, ungewöhnlicher Nischenfilm bleiben wird, ohne eine nachhaltige Aussage zu treffen.

5/10

Alt. Titel: Der grüne Planet – Besuch aus dem All / Besuch vom anderen Stern
» La Belle Verte bei IMDb.com

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