
The Road
Am Anfang gleißendes Licht und eine Serie dumpfer Einschläge. Als der werdende Vater (Viggo Mortensen) nachts aufschreckt und instinktiv Vorratswasser in die Badewanne einlässt, ahnt er noch nichts von der Katastrophe, die da über ihn, seine Frau, seine werdende Familie – die über die ganze Welt hereinbricht. Er sieht nur das feuerrote Licht am Horizont, hört die Schreie der Menschen.
Ein harter Schnitt, und der Zuschauer ist im Hier und Jetzt der Dystopie, die Cormac McCarthy in seinem vielgelobten, gleichnamigen Buch “The Road” entworfen hat. Die Welt ist grau und kalt geworden, leblos und still. In der nicht allzufernen postapokalyptischen Zukunft liegt die Erde nicht im Sterben, sondern ist bereits tot. Doch das Buch und John Hillcoats Filmversion verarbeiten dieses Sujet auf eine angenehm ungewohnte Weise. Der Kataklysmus, an dessen Ende nur wenige überlebende Menschen stehen, wird nicht gezeigt, nicht erklärt und nur vage aus der Wahrnehmung des Vaters beschrieben. Sicher ist nur eins: Es handelt sich nicht um die oft bemühte und immer noch sehr beliebte post-nukleare Welt (siehe auch “Book Of Eli”), in der das Leben schon irgendwie weitergehen wird, und trotz widriger Umstände die Hoffnung auf eine neue, alte Zukunft am Horizont erstrahlt.
“The Road” konfrontiert uns mit einer Welt, in der sämtliches Leben verschwunden ist. Der Vater und sein ca. 8 bis 10jähriger Sohn wandern auf den toten Überresten der Zivilisation, in der sie einmal zuhause waren. Die Straße, “the road”, das ist ihr Weg, der zu einem täglichen Überlebenskampf geworden ist. Es ist die Suche nach Schutz und vor allem Nahrung in einer Welt, in der seit Jahren keine Pflanzen mehr gedeien und sämtliche Tiere verschwunden sind.
Schon in den ersten Minuten kann man als Zuschauer Überlegungen anstellen, wie realistisch das eindrucksvoll gezeichnete Portrait dieser toten Welt ist. Wie wahrscheinlich ist es, dass Menschen in einer Welt überleben, in der es nicht einmal mehr Insekten zu geben scheint, und nach zehn Jahren trotzdem noch herumliegende Lebensmittel gefunden werden. Der einheitsgraue Himmel deutet auf eine Verschmutzung der Atmosphäre durch eine Naturkatastrophe hin, ebenso der ascheartige Belag, der an einigen Orten im Film zu sehen ist. Die toten Landschaften sind nicht zerstört, man sieht keine Kriegsruinen, sondern nur Orte, aus denen sämtliches Leben gewichen ist. Man könnte wild über die Ursache dieser unendlichen Katastrophe spekulieren. Ein alter Mann, auf den der Vater und sein Sohn treffen, erzählt, dass die Menschen gewarnt gewesen seien.
“The Road” stellt aber diese Fragen gar nicht selbst, und bemüht sich daher auch nicht um Antworten. “The Road” schafft vielmehr eine Situation von fundamentaler Endgültigkeit, mit der sich seine Figuren auseinandersetzen müssen, und bei der es letztendlich vollkommen gleichgültig ist, was die tatsächliche Ursache für diese Situation war. Es ist diese Endgültigkeit, die sich aus Irreversibilität ergibt – ein Entfliehen oder Rückkehr sind nicht möglich. Vater und Sohn befinden sich in einer Welt, in der der Kampf ums Überleben so extrem geworden ist, dass Menschen zu Kannibalen werden. Kannibalismus ist im Film “die große Furcht”, weil nach dem Zerfall aller gesellschaftlichen Strukturen durch Kannibalismus auch sämtliche Vorstellungen von Ethik und Moral ad absurdum geführt werden. Egoismus und Mißtrauen werden in dieser lebensfernen und lebensfeindlichen Welt fatalerweise zu Überlebensfaktoren. Wem kann man noch trauen, wenn Menschen aufeinander Jagd machen?
Und doch appelliert der Vater seinem Sohn gegenüber an die “Flamme der Hoffnung”, die nicht erlöschen darf, weil sonst wirklich alles verloren wäre. Diese Flamme steht in starkem Kontrast zu den täglichen Begegnungen mit dem Tod, mal leise, mal offensichtlich. Längst hat der Vater seinem Sohn den Selbstmord als letzte Erlösung erklärt. Die letzte Patrone im Revolver wird zur symbolischen Schwelle, die man nur einmal übertreten kann, ohne Chance auf Rückkehr. Hoffnung steht im scheinbaren Widerspruch mit der Gewissheit, dass sie beide allmählich verhungern; Hoffnung als letzter Anker, um nicht den Weg zu gehen, den viele Menschen aus Verzweiflung bereits gegangen sind.
“The Road” zeigt eine beeindruckende Trostlosigkeit wie auf dem Mond. Die Spuren menschlichen Lebens und Wirkens sind teilweise so erloschen, dass man keine Wehmut verspürt, sondern sich der Weg auf verlassenen Straßen wie wilde Natur anfühlt, vor allem für den Sohn, der diese Welt nicht anders kennt. Er reagiert deshalb auch weniger sentimental als der Vater auf letzte Erinnerungsstücke, sondern vor allem auf den Kontakt mit anderen Menschen. Menschen, die mit ihren bösen Absichten zu einer Gefahr in einer ohnehin gefährlichen Welt werden. Doch in dieser Welt, in der es scheinbar keine Menschlichkeit mehr gibt, wird der Sohn zum moralischen Anker für den Vater, zur Flamme die verhindert, dass diese tote Welt ihre eigenen Seelen auffrisst.
Die Flamme, die Hoffnung ist nicht die Küste und das Meer, wo es nicht anders aussieht als im Rest des Landes, sondern der Kontakt mit dem, was verloren geglaubt schien: eine intakte Familie, die sich durch all das auszeichnet, was den verbliebenen Gruppen vermeintlich gleichgesinnter Menschen fehlt, die sich im Zweifel gegenseitig verspeisen.
“The Road” ist kein Film über die Plausibilität eines post-apokalyptischen Szenarios, kein Survival-Abenteuer, und erst recht keine cool inszenierte Dystopie mit versöhnlichem Happy End. “The Road” beschreibt den Kampf um Menschlichkeit in einer ausweglosen Situation, den Kampf um das Gute im Menschen an einem Ort, an dem alles Gute ausgestorben scheint. Menschlichkeit um der Menschlichkeit willen. Und will man den Film als Fabel verstehen, so handelt er schlußendlich von den Werten, ohne die die Menschheit nicht überleben kann – und das ganz ohne eine globale Katastrophe, trotz Nahrung im Überfluß, Strom aus der Steckdose und fließendem Wasser.
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