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Lou Reed & Metallica – “Lulu”

25. Oktober 2011 | ME | Musikrezensionen | 534 mal gelesen

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Lou and Lulu

Die haarsträubende Story von Wedekinds ‘Lulu’ ist sehr abenteuerlich und dem ein oder anderen Philosophen und Theaterwissenschaftler sicherlich bekannt. Die junge Lulu, auf den Straßen Berlins von einem Gönner aufgegriffen, der sich dabei auch gleich mal eine Menge gönnt, nämlich unsere junge Freundin, hat daraufhin im Laufe ihres bunten Lebens in der künstlerisch-intellektuellen Bohème von Berlin und Paris zahlreiche Verhältnisse, es kommt zu Irrungen und Wirrungen, zu Mord- und Totschlag, vorgetäuschter  Krankheit, Gefängnis und zur Flucht aus Paris nach London, wo Jack The Ripper das Schlusswort spricht. Soweit, so gut. Oder auch nicht.

Diese heikle Geschichte aus dem letzten Jahrhundert wurde nun vom Altmeister und Ex-THE VELVET UNDERGROUND-Member Lou Reed und den uns wohlbekannten METALLICATS vertont. Diese Idee ist nicht verwunderlich, denn beide Parteien sehen sich als Brüder im Geiste und der Kunst; als Reeds Begleitband traten METALLICA ja bereits 2009 zum 25. Jubiläum der “Rock And Roll Hall Of Fame” in Erscheinung, um Klassiker aus dem THE VELVET UNDERGROUND-Backkatalog zum besten zu geben.

Das Album “Lulu” nun  verbindet den eigenwillig dunklen Gesang des Kultrockers Reed mit der metallisch-rockigen Instrumentalabteilung METALLICAs. Auch Hetfield kommt zu kurzen Vocaleinsätzen, allerdings selten. Reeds Sprechgesang kontrastiert dabei das oft nur angedeutete Monumentalriffing der US-Boys. Erneut werden Ullrichs Drums trocken produziert, die Gitarren deuten an, brechen sich jedoch nicht Bahn, wie wir es schon so manches Mal herbeisehnen, wenn wir mal ganz ehrlich sind.

In ‘The View’ wird Reeds Narrativ von Hetfields dramatisch gesungenem Chorus und einem typischen METALLICA-Lick ergänzt. Das letzte “I aaaaammmmaaahhh” phrasiert der METALLICA-Barde mit Inbrunst. “Little Dog” erinnert zunächst dermaßen an CASH, dass Erinnerungen an sein legendäres Knastkonzert aufkommt. Die Musik der zum Teil recht monoton geratenen, auch überlangen Tracks tönt eher wie ‘Kunst’ im herkömmlichen Sinne, wenn ich das mal so sagen darf. Soll heißen sie ist sicherlich für den Anhänger von LOU REED zugänglicher als für “Death Magnetic” Freaks, ist weniger Metal als vielmehr eine ambitionierte Vertonung eines skandalumwitterten Theaterstücks.

So wie die Texte das ganze zum Teil sehr traurige Leben von Lulu umfassen, so gerät auch die Musik melancholisch, wir zur Tragödie; die Akzente werden vorsichtig gesetzt, wie kleine Tupfer. Soli und  Leads verirren sich vorsichtig hinter die Akustikgitarren. Sie ziehen schnell vorbei, flackern jedoch weiter ohne wirklich im Vordergrund zu strahlen.

Reeds alles andere als junge Stimme leuchtet sanft das tragische Leben Lulus aus, zeichnet das Gebrochene ihrer Liebschaften und Abhängigkeiten nach. Er rezitiert, zum Teil geraten die sehr minimalistisch instrumentierten Songs auch recht experimentell, wenn zum Beispiel das Wort “Hallucination” (“Dragon”) eindringlich gerufen wird und seltsam stählerne Akkorde, gleichsam wie angetippt, den Song ausufern lassen. Diese sehr artifizielle Musik, diese künstlerische Konzeption zu bewerten, fällt mir sehr schwer.

So manch eine Passage gefällt mir richtig gut, dann wieder vermisse ich den Ausbruch des Gitarrenvulkans, alter Purist, der ich bin. Immer wieder habe ich Assoziationen an David Bowie, Jagger, Cale, Cash, Waits, Orbison und andere Götter und Dinosaurier aus dem Mesozoikum. Dass METALLICA eine Vorliebe für die Sechziger haben, wissen wir ja seit den “Load” und “Reload”-CDs. Zitiert wird der Blues des Jahrzehnts, als alles begann mit dem Rock, als an Metal nicht zu denken war. Oder doch? Und auch der Polit- oder Protestsong findet seine Wiederauferstehung. Schräg geht es durch unwegsames Gelände, immer mit ordentlich Empathie für unsere kleine Lulu auf dem Weg durch die feindliche Männerwelt.

Meines Erachtens hätten die Blutsbrüder der untergehenden Sonne etwas mehr  Drive in die ein oder andere Komposition bringen können. Auch ein pumpendes “For Whom The Bell Tolls”-Riffing wäre mal was gewesen; okay, natürlich nur angedeutet, aber es hätte zum Inhalt gepasst: immerhin ereilen den Maler und den Verleger einiges Ungemach und in der Ripperszene im Finale findet unsere Heldin ihr trauriges Ende.

“Junior Dad” ist einer dieser äußerst langen Songs (fast 20 Minuten) welcher sich melancholisch hinzieht und in einem gehaltenen Akkord in der Schwebe balanciert; und das über Minuten. Das wiederum ist vielleicht etwas für die Post-, Klassik- oder Instrumentalrocker unter Euch. Fast tendiere ich hier zu TENHI, was das Ausklingen von “Junior Dad” angeht.

In “Frustration” und “Mistress Dread” holpert es dann doch endlich mal im Vordergrund, Kirk will nämlich auch mitspielen, verdammt! Der (doch manchmal etwas eintönige) Gesang ist allerdings eher etwas für regelmäßige arte-Gucker… auch in den folgenden Kompositionen übrigens. Auf jeden Fall will diese (bisweilen recht anstrengende) Musik konzentriert gehört werden, sie taugt nicht zum Nebenherhören. Und wir haben hier mal wieder so einen speziellen Fall, welcher Ambivalenz und Streit produzieren wird, denn einige werden rufen “Wie? Unhörbar, wo sind da METALLICA? Höchstens vier Punkte!” Andere werden sagen, “Ein Meisterwerk des Rock, superb!” Ich entscheide mich für:

» Lou Reed & Metallica

Format:  Doppel-Album
Länge:   10 Songs | 87:04
Label:   Warner Bros.
Release: 31.10.2011
Leserwertung:
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne6 Sterne7 Sterne8 Sterne9 Sterne10 Sterne (14 Wertungen, Ø 2,29 von 10)
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