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October File – “Our Souls To You”

6. April 2010 | Bastian | 4 Ohren 2 Meinungen » Musikrezensionen | 710 mal gelesen

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October File - "Our Souls To You"4 Ohren 2 Meinungen

“There’s not a problem I can’t fix, cause I can do it in the mix” – oder: OCTOBER FILE im Doppelpack!

Eine Band klingt nicht nur so gut wie ihre Riffs, sondern auch wie ihre Aufnahme und deren Produktion. Ein Schlagzeug kann nach Kartoffelkisten klingen, eine Gitarre nach Grillenzirpen, und es ist völlig egal, ob am Kit ein neuer Gene Hoglan sitzt oder an der Gitarre ein neuer Vai frickelt. Der Sound einer Produktion ist letztendlich das Gesicht einer Band, die ihren Ist-Zustand auf einem Album dokumentiert, und er ist gleichzeitig auch eine Handschrift. In den 90er Jahren konnte man z.B. blind hören, ob ein Album in den Händen von Scott Burns oder Jim Morris war, ob es aus dem schwedischen Abyss-Studio von Peter Tägtgren kam, oder ob Pytten im Grieghallen mal wieder feinsten “Blech-Metal”-Scheppersound gezaubert hatte. Ohne dass ein Produzent als Mentor und Ratgeber tätig werden muss, bringt er seine ganz eigen Herangehensweise mit, die oft zu seinem Markenzeichen gehört, wie z.B. der Breitwandsound von Devin Townsend. Und hier steht eine Band vor der Frage, welcher Weg, welcher Ansatz für sie der Richtige ist.

Die Songs auf einer Platte können noch so gut sein, wenn sie dann trotzdem durch einen Klang torpediert werden, der ihnen nicht gerecht wird. Hätten z.B. MARILYN MANSON ihr Debütalbum beim Mix von Rosi Moselmann belassen, würde sie womöglich heutzutage kein Mensch außerhalb Floridas kennen. Erst Trent Reznors Geschick verhalf “Portrait Of An American Family” zum durchschlagenden Erfolg. DARK FUNERAL entschieden sich bei ihrem Debüt “The Secrets Of The Black Arts” gegen den Mix von Dan Swanö und wechselten zu Peter Tägtgren. Manchmal kommt die Erkenntnis auch erst im Nachhinein, so etwa bei NEVERMORE, die zwei Jahre nach der Veröffentlichung von “Enemies Of Reality” eine neu gemixte Version veröffentlichten. Auch MESHUGGAH gingen diesen Weg und schickten ihr 2002 veröffentlichtes Album “Nothing” vier Jahre später in die Generalüberholung. DIMMU BORGIR hingegen nahmen ihr vielgelobtes Zweitwerk “Stormblåst” 2005 gleich ganz neu auf.

Anders noch als beim Mastering gibt es beim Mix viel größere Einflussmöglichkeiten auf das Endergebnis. Was, wenn eine Platte nicht einfach nur “fetter” klingen soll, sondern trotz identischer Aufnahmetakes einen ganz anderen Charakter bekommt? Diese interessante Möglichkeit leisteten sich OCTOBER FILE, die ihre Aufnahmen zum neuen Album “Our Souls To You” gleich in zwei namhafte Produzentenhände gaben: John Mitchell (u.a. ENTER SHIKARI, FUNERAL FOR A FRIEND, ARCHITECTS) und Justin Broadrick (GODFLESH, JESU) – der eine ein Rocker, der andere tief im Industrial verwurzelt. Bastian und der ausgewiesene Broadrick-Experte Matt Sick geben Auskunft, wie groß die Unterschiede zwischen beiden Versionen, die als Doppel-Album veröffentlicht werden, ausgefallen sind.

Von KILLING JOKE zu GODFLESH – und zurück

Die letzte Platte der Briten OCTOBER FILE fand ich richtig gut. Wenn die eigene Hirnsülze in der richtigen Stimmung war, konnte “Holy Armour…” so einiges in den Synapsen bewegen. Ein Manko oder eher die Achillesverse des Albums war seine Identität, denn nicht nur dank Jaz Coleman klang das Teil wie KILLING JOKE, und wusste eben nur deshalb so zu gefallen. Wenn man die einzelnen Songs mal isoliert betrachtete, blieb unterm Strich nicht mehr als eine solide Leistung.
Ein ähnlicher Eindruck beschleicht mich auch beim neuesten Werk, für dass sich die Band gleich zwei Produzenten geholt hat. Mit Broadrick und Mitchell leistet man sich den Luxus eines Albums, welches in zwei verschiedenen Klangversionen daherkommt. Wem Broadrick auch nur annähernd ein Begriff ist, der weiß worauf das hinausläuft: Wie es bei GODFLESH seit grauer Industrialurzeit üblich ist, regieren hier die Lautstärke und extreme Verzerreffekte, ganz besonders beim Schlagzeug und beim Bass. Das ist der typische Sound, für den Broadrick und GODFLESH stehen, und der hier wegen des schwächlichen Songmaterials jegliche Identität der Band gnadenlos plattwalzt. Man höre nur einen Song wie “Dredge”, und jeglicher Gedanke an etwas anderes als GODFLESH wird durch die Soundwand hinweggefegt.

Um gleich mal auf die Verbalbremse zu treten: Die Songs auf “Our Souls To You” sind nicht schlecht. Die erste Hälfte des Albums wird vor allem durch gemäßigte Geschwindigkeiten mit viel Drive geprägt, allerdings etwas gesetzter und schwerfälliger als noch beim Vorgänger. Ganz schön düster sind sie geworden. Dazu passt der brutale Mix von Broadrick sozusagen wie Arsch auf Eimer, vor allem das heisere, rabiate Organ des Sängers wird hier gut in Szene gesetzt.
Weil der sehr trockene Klang des Schlagzeugs keine volle Wucht entfaltet, haben die Songs der schnelleren zweiten Hälfte durchaus Punk-Qualitäten. Dieser Mix ist dreckig, kompromißlos und gemein, und irgendwie passt er. Es ist schon erstaunlich: OCTOBER FILE haben in all den Jahren keine echte Handschrift entwickelt, aber sie verstehen es wunderbar, eine Atmosphäre zu erzeugen, die man von den großen Namen im Industrial Metal kennt und liebt. In drei Jahren von KILLING JOKE zu GODFLESH.

Mitchells Mix erinnert da schon eher an den Vorgänger, auch wenn der leicht monumentale Touch einem dreckigeren Rockgewand gewichen ist. Hier gibt es keine krassen Verzerrungen, sondern ein dynamischeres Schlagzeug, vollmundigere Gitarren und auch der Gesang wurde etwas prominenter in den Aufnahmespuren platziert (z.B. bei “Eau Du War”). Während die schnelleren Passagen bei Mitchell nicht nur etwas freundlicher im Ohr ankommen, sondern auch ein bißchen mehr Energie mitbringen, haben gerade die schwerlastigen Momente bei Broadrick noch mehr Gewicht.
Je mehr Zeit vergeht, je öfter man beide Varianten im Vergleich hört, umso sympathischer werden einem beide Versionen, weshalb man dieses Experiment durchaus als gelungen betrachten kann. Würden sich Broadrick und Mitchell in der Mitte treffen, hätte man den perfekten Sound für “Our Souls To You”. Das macht zwar die schwächelnden Songs nicht besser, lässt sie aber eben besser klingen – und das so gut, dass auch diese Platte, wie schon der Vorgänger, nicht im Durchschnittsbrei versinken muss.

(Bastian)

7/10

KILLING JOKE, mal sauber, mal schmutzig

Da haben OCTOBER FILE ja mal eine richtig gute Idee gehabt und ihr Album einfach von zwei verschiedenen Leuten abmischen lassen. Der eine ein Rocker, der andere ein Industrial-Metaller. Demnach sollte das Ergebnis entsprechend interessant ausgefallen sein und man darf auf zwei Endfassungen gespannt sein, welche die Vorzüge beider Produzenten in den Vordergrund stellen. Beide Versionen werden im Verkauf erscheinen, so dass der Hörer am Ende freie Wahl hat, je nach Geschmack, und seinen Hörgewohnheiten und musikalischen Neigungen freien Lauf lassen kann.

Zunächst aber frage ich mich, wie es sich eine kleine Band wie OCTOBER FILE erlauben kann, ein Album wie “Our Souls To You” doppelt unter die Leute zu bringen? Bekanntlich streuben sich die Labels normalerweise regelrecht dagegen, da sich Doppel-, bzw. zwei Alben nebeneinander nicht gut verkaufen lassen. Da muss es der Heimathafen sehr gut mit der Band gemeint und sich auf das Experiment eingelassen haben; sehr löblich.

Eines bereitet mir allerdings schon vor dem Hören der beiden Albumversionen ein klein wenig Kopfschmerzen: Es wird bereits viel mehr über die beiden Sound-Versionen geredet als über die Musik selbst, so als ob diese nur Beiwerk ist. Deshalb versuche ich das im Folgenden unter einen Hut zu kriegen und werde beide Seiten der Medaille entsprechend beleuchten.

OCTOBER FILE klingen wie eine moderne Version von KILLING JOKE, und das sogar ziemlich eindeutig wenn man das Album am Stück betrachtet. Die Musik pendelt im Großraum Industrial Rock/-Metal umher und macht zudem hier und da kleine Ausflüge in Post-Hardcore-Regionen. Wenn ich mich an die Anfänge dieser Band erinnere muss ich an dieser Stelle anmerken, dass OCTOBER FILE scheinbar länger nach ‘ihrem’ Sound gesucht haben und diesen nun, vermutlich, endlich gefunden haben, denn erst ihr letztes Album pendelte in die Richtung, die “Our Souls To You” nun einschlägt. Ob sie sich damit jedoch langfristig einen Gefallen getan haben, bleibt abzuwarten.

Nun, um es an dieser Stelle schonmal klar und deutlich auszudrücken: Die Songs auf “Our Souls To You” sind durchweg nicht wirklich der Burner. Hier und da gibt es nette Parts, gut gemeinte Leads und Refrains, aber immer schweben zu sehr KILLING JOKE mit, was mir schnell sauer aufstößt, denn so wie es hier vorgemacht wird, sieht kein eigenes musikalisches Gesicht aus (Beispiel: “Falter”). Der Gesang von Ben Hollyer wird durchgehend eintönig gegrölt vorgetragen. Nicht nur, dass er ständig an Jaz Coleman nach einer Pulle Whiskey erinnert, sondern selbst die Akzentuierung gleicht dem Herrn Coleman mehr als dem OCTOBER-FILE-Sänger vermutlich lieb ist. Hier und da kommt mir auch Al Jourgensen von MINISTRY in den Sinn, wenn Hollyer mal nicht ganz so genüßlich seinen Rotz gurgelt.

Musikalisches Fazit: Wir haben es mit Durchschnittsware zu tun, und zwar über das komplette Album verteilt. Nicht, weil sie nahezu durchgängig ihre großen Vorbilder (?) kopieren und nacheimern, sondern weil nur wenige der Songs richtig gut sind und meistens einfach nur als ‘nett’ oder ‘hörbar’ einzustufen sind. Es fehlt das Besondere, das Etwas, von mir aus auch der Hit-Faktor, der letzte Kick, der Schlag ins Gesicht, nenne man es wie man will.

Und zu guter Letzt: Sound-mäßig hätte ich deutlichere Unterschiede von den beiden Mixen erwartet. Natürlich merkt man den Unterschied und ganz besonders fällt mir Justin Broadricks prägnante Produktion auf. Wie üblich recht mittellastig, was schon dieses gewisse Etwas bei seinen eigenen Veröffentlichungen ausgemacht hat. Und natürlich fällt die enorme ‘Distortion-Power’ ins Gewicht, die den Songs ein zusätzlches Maß an Aggressivität und natürlich Industrial-Feeling verleihen.

John Mitchell zieht dagegen etwas klarere Linien und Strukturen vor und macht den Sound so tranparent wie möglich. Während Broadrick gerne mal die Sounds Industrial-mäßig ineinander verschwimmen lässt, achtet Mitchell auf moderne Präzision und fast schon penible Sterilität. Die Gitarren kommen fett und sauber rüber, es gibt bei ihm im Gegensatz zu Broadricks Version kein Knistern, kein Rauschen und kaum Hall zu hören. Vermutlich hat Mitchell mit Gummihandschuhen an den Reglern gesessen, während Broadrick vorher wohl nochmal durch eine alte Ölwanne gekrabbelt ist…

Sozusagen steht hier ‘wohlgeordnet und sortiert’ dem ‘Chaos’ gegenüber. Wem nun welche Produktion besser gefällt, muss jeder für sich selbst entscheiden. Mir gefallen beide Varianten, wohingegen ich durchaus die Noise-lastigere Version spannender finde, denn glatte Produktionen gibt es mittlerweile genug und die Metal- und Rock-Welt kann ruhig mal wieder etwas Schmutz und Dreck vertragen.

Weg mit Schlips und Kragen, her mit dem Arbeitsanzug!
Tausche Skalpell und Spritze gegen Faust und Hammer!

(Matt Sick)

6/10

» October File

Format:  Doppel-Album
Länge:   2×11 Songs | 124 min
Label:   Candlelight Records
Release: 05.04.2010
Leserwertung:
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne6 Sterne7 Sterne8 Sterne9 Sterne10 Sterne (1 Wertungen, Ø 9,00 von 10)
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