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Exxasens – “Eleven Miles” (10,00 / 10)
valerie renayTake a look! http://www.youtube.com/watch?v =vViinMt156s
MEAuch hier gilt: die Version mit Bonus greifen! ‘Age Of Creation’ ist ein wunderbarer Achterbahn-Track,...
MEAuch für dieses Album gilt: die edle Digifassung mit Bonustrack ‘Tired Bones’ (lässig-schwerer...
Rohtenburg – Grimm Love (2006)
Der “Kannibale von Rotenburg” Armin Meiwes sorgte 2001 für großes Aufsehen in der Presse, aber gleichzeitig auch für ein moralisches Dilemma: Wie sollte man mit einem Menschen umgehen, der einen anderen Menschen getötet hatte um ihn zu verspeisen, wenn eben jener Mensch genau das gewollt hatte? Wie sollte man diese Abscheu hervorrufende Tat beurteilen? War es Mord, sog. ‘Totschlag auf Verlangen’ oder vielleicht eine entfernte Art des assistierten Selbstmordes?
Der Fall des Kannibalen war insofern ein Novum, da es hier keine klassische Täter-Opfer-Beziehung gab. Der Täter war kein rücksichtsloser, hinterhältiger Mörder, und das Opfer weder hilflos noch ausgeliefert und im engen Sinne eigentlich gar kein Opfer. Armin Meiwes hatte in einem Internetforum inseriert, dass er jemanden sucht, den er schlachten und verspeisen könnte. Unter den Antworten befand sich die von Bernd Jürgen Brandes, der darin den Schlüssel zur Erfüllung seiner Fantasien sah. Armin Meiwes war der Schlüssel.
Das Kannibalen-Thema war lange Zeit ein exklusiver Topos des Horrorfilms, wobei die Genreklassiker (u.a. Cannibal Holocaust) Kannibalismus meistens mit archaischen, wilden Dschungelvölkern in Afrika oder Südamerika verbanden. Die Distanz, die man als Zuschauer dadurch einnehmen konnte, wurde spätestens mit dem Erfolg von The Silence Of The Lambs aufgehoben – der Kannibale in Gestalt von Dr. Hannibal Lecter war ein hochintelligenter Psychopath und der Kannibalismus mitten in unserer Zivilgesellschaft angekommen. Die Romane von Thomas Harris waren Fiktion, aber sie hatten dennoch reale Hintergründe, wie z.B. den kannibalistischen Serienmörder Jeffrey Dahmer. Auch Deutschland hat seine Kannibalen, man denke nur an Fritz Haarmann oder den ‘Kannibalen von Koblenz’. Kannibalismus ist ein seltenes Phänomen, und gerade weil der Fall von Rotenburg so ungewöhnlich und bizarr war, fand er ein so großes Echo in den Medien. Dass dieses Thema in einem Film verarbeitet werden würde, war nur eine Frage der Zeit.
Bereits 2005 erschien Cannibal – Aus dem Tagebuch eines Kannibalen von Marian Dora. Dieser Film “glänzte” vor allem durch seine plakative und exploitative Art. Die möglichst detaillierte Darstellung von Gewaltszenen und Pornographie sorgten dafür, dass der Film im Land der Dichter und Denker beschlagnahmt wurde. Einen weiteren Versuch unternahm kurz darauf Ulli Lommel, der als schärfster Konkurrent von Uwe Boll als zweitschlechtester Regisseur aller Zeiten (gleich nach Ed Wood) gilt. Von Lommel stammen solche cineastischen Grausamkeiten wie Daniel der Zauberer, deshalb darf man auch von seiner Adaption des Rotenburg-Stoffes, Diary Of A Cannibal, nicht viel bis gar nichts erwarten. Mehr als ein käsiger Horrorfilm bleibt unterm Strich nicht übrig.
2006 versuchte sich dann Martin Weisz an dem Thema. Weisz hatte sich vor allem als Regisseur und Produzent von über 350 Musikvideos einen Namen gemacht, Rohtenburg war sein Spielfilmdebüt. Den juristischen Ärger, den dieser Film nach sich zog, muss er irgendwie geahnt haben, denn auch wenn in Deutschland mit fast ausschließlich deutschen Schauspielern gedreht wurde, wählte man Englisch als Sprache. Der Titel selbst (man beachte das Wortspiel mit “roh”!) zielte aber dennoch auf das deutsche Publikum, denn “Rotenburg” war zum Synonym für den Kannibalenfall geworden (ein Stigma, von dem sich die Stadt wohl kaum lösen können wird).
Der Film feierte am 27. August 2007 auf dem Londoner FrightFest Film Festival Premiere und wurde im Oktober des selben Jahres auf dem Festival de Cine de Sitges mit mehreren Preisen bedacht. Ursprünglich angepeilter Kinostart war eigentlich der 9. März 2006, doch knapp eine Woche vorher hatte Armin Meiwes eine einstweilige Verfügung erwirkt, weil er seine Persönlichkeitsrechte durch den Film verletzt sah. Diese Verfügung wurde knapp drei Jahre später vom BGH kassiert, aus – man mag es ja heutzutage kaum noch glauben – Berücksichtigung der Kunst- und Filmfreiheit.
Rohtenburg ist zwar rein formell ein fiktionaler Film, hält sich aber sehr streng an die originalen Geschehnisse. Weisz erzählt die Geschichte teilweise aus der Perspektive einer amerikanischen Kriminalpsychologiestudentin, die sich im Rahmen ihrer Abschlussarbeit für den Kannibalenfall interessiert. In einer Szene, in der sie sich mit ihren Freunden darüber unterhält, hat man aber das Gefühl, dass es hier nicht um wissenschaftliches Interesse geht, sondern dass sie eher von Faszination, einer Art naiver Neugier getrieben wird. Zu den profunden, psychologischen Kenntnissen dieser Studentin zählt u.a. auch, dass jeder alleinlebende Mensch einsam sei und unter dieser Einsamkeit leiden müsse.
Die Rolle der Studentin, die sich in Deutschland auf die Suche nach Fakten begibt, gerät allerdings schon bald in den Hintergrund. In Rück- und Überblendungen zeigt der Film die problematische Kindheit und Jugend beider Männer, die von Verlusten und Vernachlässigung geprägt ist, und deren stetig wachsende Faszination für das gleiche Geschlecht, den Tod und das Morbide, und wie das Internet der Befriedigung dieser Fantasien neue Möglichkeiten eröffnet. Aus den anfänglich noch nonlinearen Fragmenten mit surrealen Elementen wird allmählich ein linearer, realitätsgetreuer Erzählstrang. Die Studentin als Hauptfigur der Fiktion verschwindet bald in Bedeutungslosigkeit – Rohtenburg verlässt das Fiktionale und stützt sich größtenteils auf die tatsächlichen Ereignisse, so wie sie auch in den Medien berichtet wurden. Der Film steht dabei den tatsächlichen Ereignissen, genau wie der Zuschauer, angesichts der bekannten sowie noch zurückgehaltenen Fakten, etwas hilflos gegenüber, und liefert keinerlei neue Erkenntnisse. Die eigene “Recherche” der Studentin produziert nichts, was nicht schon vorher durch den medialen Fleischwolf gedreht worden wäre.
Die Studentin bekommt aus ominöser Quelle das Video zugespielt, auf welchem der Kannibale den gesamten Akt aufgenommen hatte. Damit schließt sich der Kreis, und Rohtenburg macht letztendlich nur das sichtbar, worüber man bisher nur lesen konnte und die eigene Vorstellungskraft bemühen musste (sofern man dies überhaupt wollte). Es ist das Video der Tat, bewegte Bilder und Ton, auf die die Studentin zu Beginn noch so begierig war, die sie nun aber mit Ekel und Abscheu erfüllen. Das ist zutiefst menschlich, zeigt aber auch die Konsequenzen dieser sinnlosen Faszination, die scheinbar zur menschlichen Natur gehört. Genau diese morbide Faszination führt zum Alltagsvoyeurismus, der sich heimlich an allem ergötzt, was mit menschlichem Leid zu tun hat. Seien es Katastrophenbilder im Fernsehen, bei denen der Börsenticker durchs Bild läuft, oder Schaulustige bei einem Verkehrsunfall. Hier ist es das Video eines Mannes, der am Ende wie von Sinnen auf sein fast besinnungsloses Opfer einsticht.
Es ist der brutale Klimax einer Geschichte, die durch die leicht sepiafarbenen Bilder des Films schon von Anfang an etwas Bedrückendes erhält. Kurz darauf endet Rohtenburg. Der Kannibale sendet im Forum die Nachricht ab, dass er neues Fleisch suche (der Eintrag, über den man den echten Kannibalen Armin Meiwes überführte), die Studentin zerstört das Videoband.
Für den Zuschauer bleibt Ratlosigkeit, was der Film eigentlich erzählen wollte. Ein bißchen Fiktion gemischt mit einer fast chronologischen Aufarbeitung bereits bekannter Ereignisse und Fakten, einfühlsamer als das Werk von Dora, aber im Prinzip genauso erkenntnisleer.

Alt. Titel: Grimm Love
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